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Folge 5 – Fehlzeiten-Abonnement

Migräne im Berufsalltag

Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund diagnostizierter Kopfschmerzen ist laut des Statistischen Bundesamtes zwischen 2011 und 2017 um rund 44 Prozent gestiegen. Fast die Hälfte der kopfschmerzbedingten Arbeitsausfälle geht auf Migräne zurück. Demnach sind Betroffene mit dieser Bürde zwar nicht allein, dennoch halten viele ihre Erkrankung vor Vorgesetzten und Kolleg*innen geheim – aus Angst vor Vorurteilen und Kündigung. Sie schleppen sich pflichtbewusst zum Arbeitsplatz, auch wenn sich bereits eine Attacke ankündigt und die Konzentration längst im Eimer ist. Diana kennt die Bredouille sowohl aus Sicht einer Angestellten als auch aus der Perspektive einer Freiberuflerin. In ihrer neuen Kolumne beleuchtet sie den Gewissenskonflikt, der im Job häufig mit Migräne einhergeht.

Mein bisheriges Berufsleben

Wenn ich auf mein bisheriges Berufsleben zurückblicke, muss ich mir wahrscheinlich mehr Fehltage eingestehen als die durchschnittliche Arbeitskraft in Deutschland. Gleichzeitig habe ich auf zahlreiche Krankmeldungen verzichtet, obwohl ich mich nicht arbeitsfähig fühlte. Klar, während einer dieser fiesen Migräne-Attacken, bei denen ich vor Schmerzen nicht sprechen kann und mich ständig übergeben muss, bleibt mir keine andere Wahl als im Bett zu bleiben. Doch Migräne ist so viel mehr als das, was Nicht-Betroffene mit der Erkrankung assoziieren. Angefangen von Vorboten wie starker Müdigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Schwächegefühl, Schwindel und Benommenheit – über mehrtägige konstante Kopfschmerzen, bei denen kein Medikament anschlägt – bis hin zum Migränekater am Tag danach, der mit extremer Erschöpfung einhergeht. Warum ich in der Vergangenheit trotzdem immer wieder mit solchen Symptomen arbeiten gegangenen bin und mich selbst heute nicht komplett davon freisprechen kann? Weil ich Angst davor habe, als „nicht belastbar“ oder (schlimmer noch) als „Drückebergerin“ wahrgenommen zu werden.

Wirtschaftlicher Totalschaden

Mit diesen Ängsten bin ich nicht allein. Mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland leben mit Migräne. Die ersten Anfälle treten meist schon in der Pubertät auf. Zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr erreicht die neurologische Erkrankung ihren Höhepunkt in Bezug auf die Frequenz und die Schwere der Attacken. Ab dem 55. Lebensjahr klingt die Migräne langsam wieder ab. Somit sind es vor allem Berufstätige, die stark von den wiederkehrenden Kopfschmerzen und den zahlreichen Begleitsymptomen beeinträchtigt sind. Das Wifor-Institut in Darmstadt hat einen daraus entstehenden volkwirtschaftlichen Gesamtschaden von durchschnittlich 145,6 Milliarden Euro pro Jahr errechnet – was 2017 etwa 4,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprach. Logisch, dass die Erkrankung bei Vorgesetzten nicht gerade auf Begeisterung stößt. Deshalb war auch ich mir – insbesondere während meines Berufseinstieges – oft unsicher, wie offen ich mit meiner Migräne umgehen soll. Manchmal plagte mich das schlechte Gewissen bereits im Vorstellungsgespräch, weil es sich anfühlte, als würde ich ein dunkles Geheimnis verschweigen und meine künftigen Arbeitgebenden hinters Licht führen. Doch die Sorge, aufgrund dessen nicht in die engere Auswahl zu kommen, war groß und leider auch berechtigt, schließlich leben wir in einer gewinnorientierten Leistungsgesellschaft. Also verschwieg ich die Schmerzattacken, die durch den daraus resultierenden Stress weiter auf die Spitze getrieben wurden. Zum Teil griff ich sogar zu Ausreden, um mein Geheimnis noch besser zu schützen. Mal behauptete ich, ich hätte mir den Magen verdorben, wenn mich die Migräne an mein verdunkeltes Schlafzimmer fesselte. Dann schob ich wieder eine aufkommende Erkältung vor, um einen Tag zuhause bleiben zu können. Mit anderen Worten: Ich wählte Krankheiten, die für andere nachvollziehbarer waren – obwohl es mir tatsächlich noch viel schlechter ging. Natürlich wusste ich auch schon damals, dass ich der Personalabteilung am Telefon keine Begründung für eine Krankmeldung schuldig bin und mir war auch klar, dass meine Migräne keine außerordentliche Kündigung rechtfertigen würde. Doch Angst und Scham waren zu groß, was zur Folge hatte, dass der Druck stieg und mit ihm die Anzahl meiner Migräneattacken.

»Zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr erreicht die neurologische Erkrankung ihren Höhepunkt in Bezug auf die Frequenz und die Schwere der Attacken. Ab dem 55. Lebensjahr klingt die Migräne langsam wieder ab. Somit sind es vor allem Berufstätige, die stark von den wiederkehrenden Kopfschmerzen und den zahlreichen Begleitsymptomen beeinträchtigt sind.«

Trigger am Arbeitsplatz

Die Arbeit, der wir täglich nachgehen, kann unsere Migräne stark beeinflussen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Beruf in der Pflege, im Handwerk, im Büro oder in der Wissenschaft handelt – Migränetrigger kennen keine Branche. Im Gegenteil, sie lauern überall: Während ich in redaktionellen Großraumbüros hauptsächlich mit dem Lautstärkepegel meiner telefonierenden Kolleg*innen, dem eng getakteten Terminplan und dem Flimmern des Bildschirms zu kämpfen hatte, zählen in anderen Berufen Trigger wie laute Maschinen, intensive Gerüche, die körperliche Belastung oder der Schichtdienst zu den größten Herausforderungen. Den optimalen Beruf für Menschen mit Migräne gibt es daher nicht. Trigger, die Person A unbedingt vermeiden muss, machen Person B mitunter gar nichts aus. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Arbeitsplatz dahingehend gründlich unter die Lupe zu nehmen und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Regelmäßiges Lüften, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Noise-Cancelling-Kopfhörer, Rückzugsorte und eine ergonomische Haltung können helfen, die Arbeitsbedingungen für Betroffene zu verbessern. Ist dennoch eine Attacke im Anmarsch, ist es nahezu unmöglich, mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Die Konzentration lässt rapide nach, Wahrnehmungsstörungen setzen ein und Gespräche werden von jetzt auf gleich zur Tortur. Spätestens an diesem Punkt liegen die Karten auf dem Tisch, denn das Einzige, was jetzt noch hilft, ist ein abgedunkelter Raum, in dem die betroffene Person sich – abgeschirmt von Gerüchen, Geräuschen und Lichteinfall – hinlegen kann. Auch die berühmte „Kopfschmerztablette“ kann zu dem Zeitpunkt nichts mehr ausrichten. Lediglich migränespezifische Triptane verschaffen Migräniker*innen im Akutfall Linderung, da diese die geweiteten Blutgefäße in den Hirnhäuten verengen und dem fortschreitenden Entzündungsprozess entgegenwirken.

»Die Arbeit, der wir täglich nachgehen, kann unsere Migräne stark beeinflussen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Beruf in der Pflege, im Handwerk, im Büro oder in der Wissenschaft handelt – Migränetrigger kennen keine Branche.«

Offenheit zahlt sich aus

Bei mir war es schließlich eine Kollegin, die mich umdenken und mich selbst offener mit meiner Erkrankung umgehen ließ. Ich war damals neu in der Firma und dementsprechend überrascht, als sie eines Tages vorzeitig aus einem wichtigen Meeting zurückkehrte und sich wortlos hinter ihrem Schreibtisch auf den Teppichboden legte. Alle anderen nickten sich wissend zu und sofort wurde es leiser im Raum. „Keine Sorge“, flüsterte mir meine Tischnachbarin zu. „Sie hat Migräne, das passiert öfter. Wir sollen sie in diesen Momenten einfach in Ruhe lassen und warten, bis ihre Aura vorbei ist.“ Ich war baff – und tatsächlich, die Migräne meiner Kollegin war allgegenwärtig. Sie machte kein Geheimnis daraus, wenn sich mal wieder ein Anfall ankündigte und sie infolgedessen für drei Tage ausfiel. Alle wussten Bescheid, inklusive Chefredakteur und Geschäftsführung. Als ihre Migräne in der Mittagspause dann mal wieder Thema war, fasste ich mir ein Herz und erzählte meinem Team, dass ich ebenfalls seit meiner Jugend mit der neurologischen Erkrankung zu kämpfen habe. Das lang befürchtete kollektive Stöhnen blieb aus. Stattdessen sprachen mir alle ihr Mitgefühl aus und bedankten sich für meine Offenheit. Ich erklärte ihnen, dass ich mich bereits seit Jahren in neurologischer Behandlung befinde und dass ich meine Auslöser inzwischen gut kenne und mir im Ernstfall mit speziellen Medikamenten zu helfen weiß. Aber ich verschwieg auch nicht, dass es Tage gibt, an denen ich schlichtweg nicht arbeitsfähig bin und an denen mir ausschließlich Ruhe hilft. Zu wissen, dass mein Team Verständnis für meine Lage hat und nicht an meiner Arbeitsmotivation zweifelt, hat damals sehr viel Druck von mir genommen.

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Migräne bei der Arbeit - eine sehr belastende Situation

Selbstbestimmtes Arbeiten

Inzwischen arbeite ich seit über fünf Jahren als freiberufliche Journalistin und Autorin. Die Flexibilität, die meine Selbstständigkeit mit sich bringt, weiß ich besonders zu schätzen. Natürlich ist mir bewusst, dass es ein Privileg ist, selbst entscheiden zu können, um wie viel Uhr ich mich an den Schreibtisch setze, wann ich eine Pause brauche und ob ich pünktlich Feierabend machen möchte. Denn so viel Flexibilität ist meinen festangestellten Leidensgenoss*innen oftmals nicht vergönnt. Zumindest ist es bisher so gewesen. Umso mehr freue ich mich, dass seit Pandemiebeginn nun doch immer mehr Unternehmen ihren Angestellten die Möglichkeit einräumen, selbstbestimmt im Homeoffice zu arbeiten. Der Irrglaube, dass die Mitarbeitenden zuhause faul auf der Couch liegen und Playstation spielen, dürfte inzwischen ausreichend widerlegt worden sein. Rund die Hälfte, der im Homeoffice Beschäftigten, gab im Rahmen einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) an, zuhause produktiver, effizienter und effektiver zu arbeiten. Ein Vorteil, der vor allem denjenigen zugutekommt, die ihren Job mit Migräne unter einen Hut bringen müssen – nicht zuletzt, weil zahlreiche unkontrollierbare Reize wie Lärm und Gerüche im Homeoffice vermieden werden können. Hinzu kommt die Möglichkeit, sich bei einer anbahnenden Attacke auch mal für eine Stunde rausziehen zu können, ohne sich gleich für den Rest des Tages krankmelden zu müssen. Offenheit, Flexibilität und Vertrauen sind eben der Schlüssel zu einem guten Arbeitsverhältnis – ob mit Migräne oder ohne.

Quellen:

Krankschreibungen aufgrund diagnostizierter Kopfschmerzen

Volkswirtschaftlicher Schaden

Migräneverlauf gemessen am Alter

Homeoffice

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de