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Zwei im Gespräch

Alexander Waldhelm - Diana Ringelsiep

Gefühlt kennt jeder jemanden, der psychische Probleme hat, oder schon mal hatte. Aber wirklich darüber reden, das tun wir nicht gerne. Wenn wir also nicht darüber reden, können wir uns dann einen Film dazu angucken? Und dann auch noch eine Komödie? Wir sagen: ja!

Ein Mülheimer Filmemacher bricht das Tabu:

„Jeder von uns kennt Personen, die an Depressionen leiden, doch oft wissen wir es nicht, da kaum eine andere Krankheit so wenig in der Öffentlichkeit thematisiert wird.“
In seinem Debüt „Pottkinder – Ein Heimatfilm“ gibt Alexander Waldhelm der Volkskrankheit ein Gesicht.


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Alexander Waldhelm

Der gebürtige Oberhausener studierte Medienwissenschaften und Germanistik an der Ruhr-Universität in Bochum und war nach seinem Abschluss als Journalist und Redakteur tätig. Schließlich schrieb er das Drehbuch zu „Pottkinder – ein Heimatfilm“ und trat bei der Realisation zudem als Regisseur und Produzent in Erscheinung. Am 3. November 2020 feiert sein neuer Film „Beziehungen – Kein schöner Land“ in der Essener Lichtburg Premiere.

 


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Diana Ringelsiep

Die Journalistin, Texterin und Autorin wurde 1985 in Bochum geboren. Nach ihrem Kulturjournalismus-Studium an der Universität der Künste in Berlin fokussierte sie sich zunächst auf den Bereich Musikjournalismus, in dem sie u. a. als Herausgeberin, Reporterin und Kolumnistin tätig war. Nach einer Recherchereise, mit dem Musikmanager Felix Bundschuh, quer durch Südostasien. Erschien ihr erstes Buch „A Global Mess – Eine SubkulTour durch Südastasien“. Inzwischen lebt die freie Journalistin und Autorin in Essen.

Angst vorm „Seelenklempner“

Inge weiß selbst nicht so recht, was mit ihr los ist, schließlich hat sie doch keinen Grund Trübsal zu blasen. Oder doch? Das Bild, das Alexander Waldhelm von der depressiven Mutter zeichnet, könnte kaum realistischer sein. Vielen Betroffenen fehlt schlichtweg die Energie, um sich mit Freunden zu treffen und das Haus zu verlassen. Bedrückt und antriebslos ziehen sie sich zurück und können sich ihr Stimmungstief oftmals nicht erklären. Phasen wie diese durchlebt natürlich jeder mal, doch hält die Niedergeschlagenheit länger als zwei Wochen an, spricht man von einer depressiven Episode und es besteht Handlungsbedarf. Leichter gesagt als getan, in einer Gesellschaft, in der um das Thema Depression die meisten einen großen Bogen machen. „Ach, das wird schon wieder“, entgegnet Vater Jörg, als sein Sohn ihn auf die andauernde Traurigkeit der Mutter anspricht. „Sie braucht doch keinen Seelenklempner!“


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Vorurteile und Stigmatisierungen

Tatsächlich sind es auch im echten Leben Relativierungen und abfällige Bemerkungen wie diese, die dazu führen, dass Erkrankte sich aus Scham und Angst vor Stigmatisierung weiter zurückziehen. Um der Erkrankung im Film gerecht zu werden, holte der Filmemacher sich bereits während der Entstehung des Drehbuchs professionelle Unterstützung. „Da ich mir der Schwierigkeit des Themas bewusst war, habe ich vorab die Meinung eines Diplom-Psychologen und eines Psychotherapeuten eingeholt“, berichtet Alexander Waldhelm. „Ich habe ihnen die entsprechenden Passagen vorgelegt, um sicherzugehen, dass es sich um eine realistische Darstellung der Krankheit handelt. Das war mir sehr wichtig, da ich glaube, dass sich viele Menschen der Tragweite einer Depression nicht bewusst sind. Schließlich sind wir alle mal ‚depri‘ drauf, zum Beispiel wenn der Fußballverein verloren hat – doch das hat natürlich nichts mit der Qualität einer Depressionserkrankung zu tun.“

Humor & Depressionen? Das Interview

Volkskrankheit Depression

Die Liste potenzieller Stimmungskiller ist lang: Ob Stress im Job, Pech in der Liebe, finanzielle Sorgen oder eine unerwartete Erkrankung – schwierige Phasen gehören zum Leben dazu. Doch was, wenn der Traurigkeit kein Lichtblick folgt und die innere Leere die Oberhand gewinnt? Allein in Deutschland leiden 5,3 Millionen Menschen an einer depressiven Störung, was jeder vierten Frau und jedem achten Mann entspricht. Dennoch bleibt die Volkskrankheit in weiten Teilen der Gesellschaft ein Tabu. Die Folge: Viele Betroffene gestehen sich ihre Erkrankung nicht ein, da sie fürchten, auf Ablehnung zu stoßen. Stattdessen machen sie gute Miene zum bösen Spiel. Eine Taktik, die von Angehörigen leider viel zu häufig dankend angenommen wird.

Traurig, müde, antrieblos:

Ein Problem, dem sich der Drehbuchautor und Regisseur Alexander Waldhelm in seinem Debütfilm „Pottkinder“ angenommen hat. „Depression ist die meistverbreitete Erkrankung in Deutschland“, erklärt der Mülheimer. „Das heißt, dass zwar jeder von uns Personen kennt, die an einer Depression leiden, doch oft wissen wir es nicht, da kaum eine andere Krankheit so wenig in der Öffentlichkeit thematisiert wird.“ Der Spielfilm, der 2017 Premiere feierte, erzählt die Geschichte von Familie Klüsen. Vater Jörg steht kurz vor Rente und geht einem soliden Bürojob nach. Sohn Michael studiert Sport-Marketing, worunter sich die Nachbarn in der beschaulichen Wohnsiedlung im Ruhrgebiet nichts vorstellen können. Und Mutter Inge schmeißt den Haushalt und sorgt dafür, dass abends etwas Leckeres zu essen auf dem Tisch steht. Doch kaum sind ihre Männer aus dem Haus, überkommt sie jeden Morgen eine tiefe Traurigkeit.


Wir schaffen das!

Im Film ist es Jörgs Arbeitskollege, der ihn davon überzeugt, aktiv zu werden und Inge auf ihre depressive Verstimmung anzusprechen. Also fasst sich Jörg ein Herz. Er macht seiner Frau einen schönen Abend und nutzt die entspannte Stimmung schließlich, um das Gespräch mit ihr zu suchen. Für hoffnungslose Betroffene, die mit der Gesamtsituation überfordert sind und die Schuld bei sich suchen, kann eine simple Geste wie diese ein wichtiges Signal sein. Denn viele glauben, dass ihnen sowieso nicht geholfen werden kann und sie allein mit der anhaltenden Erschöpfung und den daraus resultierenden Schuldgefühlen fertig werden müssen. Daher ist es wichtig, nahestehenden Betroffenen zu signalisieren, dass man ihnen zur Seite steht. Besonders in Hinblick auf den Gang zum Arzt ist die Unterstützung von Angehörigen sehr wichtig, denn den Erkrankten selbst fehlt oft die Kraft dazu, sich aufzuraffen und professionelle Hilfe zu suchen.

Professionelle Hilfe

Dass eine Depression nicht nur für die Erkrankten selbst, sondern auch für das enge Umfeld zu einer Belastung werden kann, wird in „Pottkinder“ vor allem an Inges Mann Jörg deutlich. „Er arbeitet seit seiner Lehre in derselben Firma, er hat seine Frau und seinen Sohn und ist rundum zufrieden“, fasst der Regisseur Alexander Waldhelm zusammen. „Deshalb ist der Gedanke für ihn total abwegig, dauernd schlechte Laune zu haben. Viele Menschen verstehen nicht, dass es sich bei einer Depression um eine Erkrankung handelt, die behandelt werden muss und ganz wichtig: die auch behandelt werden kann! Wenn wir Zahnschmerzen haben, gehen wir zum Zahnarzt und wenn uns das Knie wehtut, suchen wir einen Orthopäden auf – genauso selbstverständlich sollte es sein, bei psychischen Problemen einen Psychologen oder Psychotherapeuten aufzusuchen.


Neugierig geworden?

Neugierig geworden? Hier kannst du dir selbst ein Bild von Familie Klüsen machen:


Filme & Depressionen

Ausschnitte aus dem Interview mit Alexander Waldhelm (13:23 Min)


Humor & Depressionen

Mit Pottkinder ein Tabu gebrochen –  Magazinbeitrag (03:30 Min)