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Junge Frau im Mexikourlaub. Thema: Migräne und Jetlag Junge Frau im Mexikourlaub. Thema: Migräne und Jetlag

Folge 37- Post-Holiday-Migräne

Warum das Urlaubsende triggert

Das Ende einer langersehnten Reise ist wohl für die meisten Menschen mit gemischten Gefühlen verbunden. Bereits beim Boarding tauchen am Horizont erste To-Dos und Alltagssorgen auf – das trübe Wetter rundet die schlechte Stimmung im Landeanflug dann meist ab. Doch während sich der Heimkehr-Blues bei gesunden Urlaubern bloß vorübergehend auf die Laune auswirkt, haben Migräniker*innen nach einer Reise oft mit schweren körperlichen Symptomen zu kämpfen. Statt schöner Erinnerungen stehen dann vor allem starke Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Übelkeit im Vordergrund. Warum das so ist, darüber hat Diana nach ihrem Mexiko-Trip geschrieben.

Mehr als Heimkehr-Blues

Über ein Jahr habe ich auf diese Reise hingefiebert, auf die Karibikstrände, den Dschungel und die Maya-Ruinen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Fast vier Wochen sind wir mit dem Auto auf der Yucatán-Halbinsel unterwegs gewesen. Ich habe den feinen Sand von Holbox unter meinen Füßen gespürt, eine nächtliche Kajaktour im Golf von Mexiko unternommen, einen Nasenbären gesehen, die Ausgrabungsstätte Chichén Itzá besucht und sogar den einen oder anderen Tequila getrunken. Meine Migräne hat in dieser Zeit keine große Rolle gespielt. Natürlich gab es einzelne Tage, an denen ich ein Triptan nehmen und mich tagsüber hinlegen musste, doch die schmerzfreien Phasen dazwischen waren für meine Verhältnisse außergewöhnlich lang. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich ist so ein Roadtrip mit vielen neuen Reizen und durchaus auch mit Stress verbunden. Das flackernde Licht, das im Vorbeifahren zwischen den Baumkronen aufblitzt, kann für Betroffene wie mich zum Beispiel schnell zum Trigger werden. Dasselbe gilt für den Wechsel zwischen den hohen Außentemperaturen und klimatisierten Räumen. Aber auch das ständige Tragen des schweren Backpacks ist nicht zu unterschätzen, genauso wenig wie das enge Check-in-Zeitfenster, in dem man die nächste Unterbringung erreichen muss. Einigen Faktoren kann ich durch stark getönte Sonnenbrillen, entsprechende Kleidung und vorausschauende Planung entgegenwirken. Anderen bin ich hingegen ausgeliefert. Interessanterweise sind es nicht die unbekannten Variablen in der Ferne, die mein Migränerisiko erhöhen. Es ist die Rückkehr in meine vertraute Umgebung, die mich oft vollkommen aus der Bahn wirft. Die Umstellung vom Reise- auf den Berufsalltag verlangt mir einiges ab und die Zeitverschiebung gibt mir in der Regel den Rest.

Ein Jetlag kann empfindliche Auswirkungen auf den Blutdruck und Hormonhaushalt haben, weshalb mich meine Migräne meist im Anschluss an eine Reise tagelang niederstreckt.

Jetlag vs. Sommerzeit

Ein Jetlag fällt bei Reisen von Westen nach Osten meist intensiver aus als bei Flügen in die entgegensetzte Richtung. Denn aufgrund unserer inneren Uhr ist es schwieriger, einen Tag zu verkürzen als ihn zu verlängern. Den meisten fällt es deshalb auch nicht sonderlich schwer, aufgrund eines besonderen Anlasses länger wachzubleiben als gewöhnlich. Doch die wenigsten werden einschlafen, wenn sie sich ausnahmsweise mal sechs Stunden früher ins Bett legen. Für Migräniker*innen ist ein ausgewogener Biorhythmus besonders wichtig, da Schlafmangel Attacken auslösen kann. Kommt der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander, kann das empfindliche Auswirkungen auf den Blutdruck und unseren Hormonhaushalt haben. Das ist fatal, da insbesondere ein Ungleichgewicht von Serotonin und Cortisol eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräne spielt. Dabei handelt es sich um Hormone, deren Ausschüttung maßgeblich von Licht und Dunkel gesteuert wird. So wird das tagsüber gebildete Serotonin am Abend in das Schlafhormon Melatonin umgewandelt, während das Stresshormon Cortisol am Morgen für das Aufwachen zuständig ist. Überqueren wir bei einem Langstreckenflug mehrere Zeitzonen innerhalb eines Tages, geraten der Schlaf-Wach-Rhythmus und die daran gekoppelte Hormonproduktion vorübergehend durcheinander, da unsere innere Uhr weiterhin tickt wie am Abflugort. Die Folgen: Starke Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrations- und Schlafstörungen. Als Betroffene von chronischer Migräne habe ich angesichts meines zwölfstündigen Rückfluges daher mit dem Schlimmsten gerechnet. Denn während sich zum Zeitpunkt meiner Rückkehr die meisten Instagram-Migräne-Kanäle den Herausforderungen widmeten, die mit der alljährlichen Umstellung auf die Sommerzeit einhergehen, stand mir eine Zeitverschiebung von acht Stunden bevor. Um es kurz zu machen: Meine Angst war begründet. Den Flug an sich habe ich zwar migränefrei überstanden, doch 24 Stunden später ging es los. Als ich aus meinem zwölfstündigen Dornröschenschlaf erwachte, spürte ich bereits eine dunkle Kopfschmerzwolke über mir. Kurz darauf gingen die typischen Nackenverspannungen los. Am Nachmittag lag ich erstmals flach.

Junge Frau schläft im Bett. Thema: Migräne und Jetlag

Der hohe Preis einer Fernreise

Ich blicke bereits auf einige Fernreisen zurück und weiß daher, wie groß die Herausforderungen einer Zeitverschiebung für mich als chronisch kranke Person sein können. Allerdings war ich nicht auf das Ausmaß der Eskalation gefasst, das mich diesmal erwartete. Als ich am Tag nach meiner Rückreise gegen Mitternacht ins Bett ging, glaubte ich tatsächlich, dass mein Jetlag dank der kräftezehrenden Migräne, die hinter mir lag, bereits überstanden sei. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Stunde für Stunde schaute ich in dieser Nacht auf die Uhr und wälzte mich herum.

2:00 Uhr – In Mexiko würde ich mein Tagesprogramm nun langsam beenden und mich auf den Weg ins Hotel machen, um duschen zu gehen und den Abend einzuläuten.

4:00 Uhr – Normalerweise würde ich gerade die Speisekarte studieren und mich zwischen Tacos, Fajitas und Quesadillas entscheiden müssen. Stattdessen nehme ich eine Melatonin-Kapsel, um endlich müde zu werden.

6:00 Uhr – Ich bin hellwach. Kein Wunder, eigentlich würden wir uns jetzt in einer kleinen Bar niederlassen, um den Abend bei einem Bier mit Live-Musik ausklingen zu lassen.

8:00 Uhr – Ich kann nicht mehr liegen und die Kopfschmerzen kehren zurück. Aber langsam fallen mir die Augen zu, schließlich ist in Yucatán gerade Mitternacht.

Vollkommen gerädert quälte ich mich vier Stunden später, gegen 12 Uhr mittags, aus dem Bett. Meine rechte Kopfseite pochte und schon nach wenigen Schritten in der Wohnung wurde mir schlecht. Die Migräne kam zurück und zwar noch schlimmer als am Tag zuvor. Bereits am Nachmittag war ich gezwungen, mich wieder hinzulegen.

Ist das Reisen die zusätzlichen Migränetrigger wert? Ich kann nur für mich sprechen, doch ich sage, aller Qualen zum Trotz: JA! Denn am Ende des Jahres sind genau das die unbeschwerten Momente, an die ich mich gerne zurückerinnere.

Status migraenosus: Schmerzen in Dauerschleife

Meine anfängliche Hoffnung, dass es bei dieser schlimmen Nacht bleiben würde, verflüchtigte sich nach der zweiten und löste sich nach der dritten schließlich in Luft auf. Während mein Partner nach zwei Tagen Müdigkeit wieder im Alltag angekommen war, schien mein Rhythmus immer weiter durcheinander zu geraten, was eine unerträgliche Dauermigräne mit sich brachte. Inzwischen erkenne ich einen sogenannten Migränestatus, wenn eine Attacke kein Ende nimmt. Bei dieser besonderen Komplikation hält die Migräne länger als 72 Stunden an und in der Regel helfen in diesem Zustand weder Schmerzmittel noch Triptane, da die Entzündungen an den Blutgefäßen der Hirnhäute nicht mehr abklingen. Wenn das der Fall ist, bleibt Kortison oft der einzige Ausweg. Nach der fünften schlaflosen Nacht mit anschließender Tagesmigräne hat mir auch diesmal eine kurzeitige Einnahme des Entzündungshemmers geholfen, den Teufelskreis zu durchbrechen. Summa summarum haben mich die Auswirkungen des Jetlags – wohlgemerkt in Kombination mit dem Stress der Rückreise und dem immensen Temperaturunterschied – eine ganze Woche gekostet. Was mich natürlich zu der Frage bringt: War es das wert? Ich kann an dieser Stelle nur für mich sprechen, doch ich sage, aller Qualen zum Trotz: JA! Mir persönlich gibt das Reisen so viel, dass ich bereit bin, dieses mögliche Übel auch künftig wieder in Kauf zu nehmen. Im Gegensatz zu festangestellten Betroffenen, habe ich als kinderlose Freiberuflerin das Privileg, es in der Woche nach meiner Rückkehr langsam angehen lassen zu können. Und deshalb überwiegt für mich unterm Strich die erholsame Zeit vor Ort. Ich liebe es, fernab vom Alltagsstress, in den Tag hineinleben und in fremde Kulturen eintauchen zu können. Als Migränikerin bringt das natürlich viel Planung und gewisse Abstriche mit sich, doch am Ende des Jahres sind genau das die unbeschwerten Momente, an die ich mich gerne zurückerinnere – und nicht die Jetlag-Migräne danach.

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de 

 

Foto: Manuel Paulus