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Junge Frau schaut herausfordernd in die Kamera. Thema Migräne Junge Frau schaut herausfordernd in die Kamera. Thema Migräne

Folge 36- Schräge Symptome (Teil 2)

Migräne in all ihren Facetten

Migräne wird oftmals bloß mit schweren Kopfschmerzen und Erbrechen assoziiert, doch die Symptome der neurologischen Erkrankung sind vielfältig und in der Regel gar nicht so leicht zu identifizieren. Betroffene stoßen – vor allem jenseits der akuten Schmerzphasen – nur auf wenig Verständnis in unserer Gesellschaft. Zu groß ist das allgemeine Unwissen, das noch immer bezüglich Migräne herrscht, zu groß die popkulturell geprägten Vorurteile. Im zweiten Teil ihres Beitrags über absurde Symptome geht Diana auf einige Begleiterscheinungen ein, die sie viele Jahre selbst nicht mit ihrer chronischen Migräne in Verbindung gebracht hat. Doch einmal erkannt, ergab plötzlich alles einen Sinn und das wahre Ausmaß ihrer Erkrankung wurde sichtbar.

Neurologische Reizverarbeitungsstörung

Im ersten Teil dieses Beitrags bin ich bereits auf einige skurrile Symptome eingegangen: auf grundloses Gähnen und ständiges Pinkeln, auf plötzliche überfordernde Emotionen, wie Reizbarkeit und irrationale Ängste, aber auch auf den wiederkehrenden Brainfog und die damit einhergehenden Wortfindungsstörungen. Was all diese Symptome gemeinsam haben, sind zum einen neurologische Störungen im Gehirn und Nervensystem von Migräne-Betroffenen, die der Erkrankung zugrunde liegen. Zum anderen verbindet diese Symptome die Tatsache, dass sie auch unabhängig der typischen Schmerzphase auftreten können und deshalb meist nicht mit Migräne in Verbindung gebracht werden. Dank Hollywood denken die meisten Menschen schließlich an hämmernde Kopfschmerzen, wenn sie das Wort »Migräne« hören. Bestenfalls. Vielleicht kommt ihnen aber auch bloß eine Frau in den Sinn, die keinen Bock auf Sex hat und eine vorgeschobene Migräne als Ausrede nutzt. Dass es sich bei der neurologischen Reizverarbeitungsstörung jedoch um eine schwerwiegende Erkrankung mit vielschichtigen Symptomen handelt, die bereits Tage im Voraus (und auch im Anschluss an eine Schmerzattacke) auftreten können, ist den meisten Menschen nicht bekannt. Deshalb werde ich heute noch auf einige weitere Phänomene eingehen, die auf den ersten Blick niemand mit Migräne in Verbindung bringen würde.

Was all diese Symptome gemeinsam haben, sind zum einen neurologische Störungen im Gehirn und Nervensystem von Migräne-Betroffenen, die der Erkrankung zugrunde liegen.

Heißhunger auf Fettiges und Süßes

Vor einer Weile wurde mir bei Instagram ein Video angezeigt, in dem eine Betroffene darüber sprach, dass sie am Tag vor einer schweren Migräneattacke oft ohne Sinn und Verstand Fast Food, Chips und Schokolade in sich hineinschaufelt. Ich selbst kenne diesen extremen Heißhunger auf Pizza, Burger oder Döner vor allem aus der erschöpften Phase nach einem Anfall. Als ich anfing, mich mit diesen plötzlichen Gelüsten zu beschäftigen, wurde mir klar, dass mich das Thema bereits seit über 20 Jahren begleitet. Schon damals fiel meiner Mutter auf, dass ich am Abend vor einer Attacke oft ein Riesenstück Gouda aus dem Kühlschrank weggesnackt oder eine ganze Tafel Schokolade verdrückt hatte. Manchmal sogar beides. Also zählte sie eins und eins zusammen und kam zu dem Schluss, dass Schokolade und Käse meine Migräne triggern. Ich weiß noch, dass ich alles andere als begeistert von dieser Schlussfolgerung war, schließlich wollte ich auf beides nicht verzichten. Meines Erachtens ergab das auch überhaupt keinen Sinn, weil nach manch fettiger Pizza mit extra viel Käse gar nichts passierte, während ich an anderen Tagen stundenlang mit starken Kopfschmerzen und unerträglicher Übelkeit flachlag, obwohl ich bloß ein Ferrero Küsschen gegessen hatte. Wenn überhaupt. Doch meine damalige Google-Recherche im Computerraum der Schule bestätigte den Verdacht meiner Mutter: Käse und Schokolade galten damals aufgrund der enthaltenen Stoffe Tyramin und Phenylethylamin als klassische Migräne-Trigger. Aber jetzt die gute Nachricht: Seit den frühen Nullerjahren ist in der Migräne-Forschung einiges passiert und Wissenschaftler:innen distanzieren sich inzwischen von dem Mythos, dass bestimmte Lebensmittel Migräne auslösen können. Plötzliche Heißhungergefühle werden nicht länger als Auslöser, sondern als Symptom einer entstehenden Attacke betrachtet. Das Gehirn signalisiert dem Körper nämlich bereits in einer sehr frühen Migränephase ein Energiedefizit, um sich auf den bevorstehenden Anfall vorzubereiten. Was darauf folgt, ist meist ein klassischer Fressflash – doch der triggert keine Migräne. Im Gegenteil: Er wird von der bevorstehenden Migräne ausgelöst.

Trigeminusnerv: Gesichts-, Haut- und Kieferschmerzen

Ebenfalls unterschätzt ist der Einfluss des Trigeminusnervs, der unter anderem für das Empfinden von Berührung, Schmerz und Temperatur im Gesicht zuständig ist. Wenn sich eine Migräne ankündigt, habe ich beispielsweise oft Hautschmerzen, die einseitig im Gesicht und im Bereich der Kopfbehaarung auftreten. Duschen, Schminken, Kämmen – das alles wird an diesen Tagen zur Qual, weil ich jede Berührung (mitunter sogar Luftzüge) als Schmerz wahrnehme. Bei einer derartig gesteigerten Schmerzempfindlichkeit handelt es sich um eine sogenannte Allodynie, die auf eine Fehlverarbeitung äußerer Reize im Nervensystem zurückzuführen ist. Allein dieses Symptom macht deutlich, dass es sich bei Migräne um eine komplexe neurologische Erkrankung handelt. 60 bis 80 Prozent der Erwachsenen, die unter Migräne leiden, sind von Allodynie betroffen – insbesondere während der Attacke. Doch das ist längst nicht alles, die Reizung des Trigeminusnervs kann noch zahlreiche weitere Symptome mit sich bringen. Dazu zählen unter anderem Ohren-, Zahn- und Kieferschmerzen, die in das ganze Gesicht ausstrahlen und mich regelmäßig Fachpraxen aufsuchen lassen, um dort gesagt zu bekommen, dass mit meinen Ohren und Zähnen alles in bester Ordnung ist.

Auch nach all den Jahren schafft meine Migräne es manchmal noch, mich mit einem neuen Symptom zu überraschen.

Tränendes Auge & laufende Nase

Auch nach all den Jahren schafft meine Migräne es manchmal noch, mich mit einem neuen Symptom zu überraschen. Neulich saß ich abends auf der Couch und wollte einen Film anschauen, als mein rechtes Auge anfing zu tränen. Erst glaubte ich, mir versehentlich etwas Mascara hineingerieben zu haben, doch als es – nachdem ich mich vorzeitig abgeschminkt hatte – auch zwei Stunden später noch tränte, schloss ich diese Theorie aus. Kurz darauf begann auch meine Nase zu laufen. Interessanterweise ebenfalls nur auf der rechten Seite. »Das ist bestimmt dein Heuschnupfen«, meldete sich mein Mann von der anderen Seite des Sofas zu Wort. »Das geht jetzt wieder los mit dem Pollenflug.« Ich war nicht überzeugt. Die Tränen suppten nonstop aus mir heraus, aber eben nur einseitig und ich musste weder niesen, noch juckte irgendwas. Eine allergische Reaktion fühlte sich definitiv anders an. Als ich weitere zwei Stunden später ins Bad ging, um mich bettfertig zu machen, bekam ich beim Blick in den Spiegel einen Schrecken. Ich sah aus wie eine Boxerin: Die Lider des betroffenen Auges waren stark angeschwollen und meine rechte Gesichtshälfte schon ganz wund vom nicht versiegenden Tränenfluss. Knatschig fand ich mich damit ab, dass wahrscheinlich ein Gerstenkorn im Anmarsch war und legte mich schlafen. In der Nacht wurde ich dann von einer starken Migräne geweckt. Mein Auge hingegen sah am nächsten Morgen aus, als sei nie etwas passiert. Google bestätigte schließlich meinen Verdacht: Tränende Augen sind ein häufiges Begleitsymptom bei Migräne, oftmals treten sie einseitig und in Kombination mit einer verstopften Nase oder einem hängenden Augenlid auf. Wer hätte das gedacht?

Vegetative Reaktionen: Von Hitzewellen bis Schüttelfrost

Eine weitere Körperfunktion, die bei einer nahenden Migräne-Attacke komplett verrückt spielt, ist die Temperaturregulation. Manchmal friere ich plötzlich so stark, sodass ich mir im Büro Schal und Jacke anziehen muss. Auch zuhause gibt es Tage, an denen ich mich fröstelnd in drei Decken einwickle – wohlgemerkt im Hochsommer, wenn mein Partner neben mir im T-Shirt vorm Ventilator sitzt. Dieser unangenehmen Kälte, die mir regelmäßig unter die Haut kriecht, als wäre eine Grippe im Anmarsch, folgt meist eine erbarmungslose Migräne-Attacke. Dann gibt es wiederum Nächte, in denen ich nassgeschwitzt aufwache, obwohl eine vollkommen normale Temperatur im Zimmer herrscht. Schon solange ich denken kann, plagen mich diese vegetativen Begleiterscheinungen. Manchmal kündigen sie eine Migräne an, manchmal eskalieren sie erst währenddessen. Das Ganze geht auf eine Funktionsstörung des autonomen Nervensystems zurück, das unter anderem unsere Körpertemperatur reguliert. Kommen zum Höhepunkt der sich mitunter bereits seit Tagen ankündigenden Attacke dann auch noch die vernichtenden Kopfschmerzen hinzu, gerät der Körper in einen Stresszustand, der das Nervensystem endgültig aus dem Gleichgewicht bringt. Unkontrollierte körperliche Reaktionen wie Zittern, Hitzewallungen, Übelkeit und eine gestörte Sensorik sind die Folge. Plötzlich reagiere ich überempfindlich auf ALLES – Licht, Geräusche, Temperatur, Gerüche. Das Fast Food aus der Heißhungerphase landet halb verdaut in einem Kotzeimer, während ich vor Kälte zittere und mir gleichzeitig der Schweiß ausbricht. Die pulsierenden Schmerzen in meinem Kopf drohen mich umzubringen. Ich brauche einen Kühlakku. Nein, eine Wärmflasche. Ich übergebe mich keuchend. Implodiere vor Schmerz. Kann nicht mehr sprechen. Will mich in Luft auflösen. Dabei sind es doch bloß Kopfschmerzen.

Quellen

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de 

 

Foto: Manuel Paulus