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Junge Frau schaut genervt in die Kamera. thema: Migräne Junge Frau schaut genervt in die Kamera. thema: Migräne

Folge 35- Schräge Symptome (Teil 1)

Migräne jenseits von Kopfschmerzen

Der wohl größte Irrtum bezüglich der neurologischen Erkrankung ist die Annahme, dass es sich bei Migräne ausschließlich um Kopfschmerzen handelt. Um pulsierende Schmerzen, die so stark sind, dass sie Betroffene vollständig außer Gefecht setzen. Das trifft zwar oftmals zu, doch dieses Stadium einer Attacke ist bloß die sichtbare Spitze des Eisbergs. Während es sich bei Spannungskopfschmerzen um genau das handelt, was der Begriff beschreibt – nämlich um Kopfschmerzen – gehen mit einer Migräne-Erkrankung noch zahlreiche weitere Symptome einher, die vor, während und nach der Schmerzphase auftreten. Welche das sind und warum einige davon selbst für Betroffene nur schwer der eigenen Migräne zuzuordnen sind, darüber schreibt Diana in diesem zweiteiligen Beitrag.

Laufen auf Sparflamme

»Wenn du wirklich Migräne hättest, könntest du gar nicht arbeiten, sondern würdest im Bett liegen«, schrieb mir neulich jemand bei Instagram, nachdem ich in einer Story erwähnt habe, dass ich mit Migräne aufgewacht bin und trotzdem einen wichtigen beruflichen Termin wahrnehmen muss. Mir ging es wahnsinnig schlecht an jenem Tag. Mein Notfallmedikament schaffte es nach zwei Stunden zwar, die Schmerzen einzudämmen, doch alle anderen Symptome liefen auf Hochtouren. In meinem Umfeld habe ich über die Jahre die meisten Menschen für meine Migräne sensibilisiert. Dennoch lautet die erste geflüsterte Frage an diesen Tagen meist: »Sind die Schmerzen gerade sehr schlimm?« Versteht mich nicht falsch, dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, doch was mich inzwischen richtig triggert, ist die Erleichterung im Gesicht meines Gegenübers, wenn ich sage, dass ich die Schmerzen gerade nur gedämpft wahrnehme. Nach dem Motto: »Glück gehabt, dann ist ja alles gut.« Denn in Wahrheit ist gar nichts gut, da sich mein gesamtes Nervensystem gerade im Ausnahmezustand befindet. Ich habe massive Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen, mein Hormonhaushalt und meine Organe spielen verrückt, außerdem werde ich von wechselnden irrationalen Emotionen überwältigt. Nun ist das Verständnis für diese unsichtbaren Auswirkungen zum Zeitpunkt einer medikamentös unterdrückten Migräneattacke bei den meisten gegeben – doch jenseits der Schmerzphase gerate ich oft in Erklärungsnot. Viele verstehen nicht, warum ich im Alltag oft neben mir stehe und nur auf Sparflamme laufe, obwohl ich ihnen bereits zweimal bestätigt habe, keine akuten Schmerzen zu haben. Deshalb möchte in diesem Zweiteiler auf das Facettenreichtum der Erkrankung aufmerksam machen und Zusammenhänge aufzeigen, die ich selbst erst nach vielen Jahren dank meines Migräne-Tagebuchs erkannt habe.

Migräne bedeutet auch, dass ich massive Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen habe, dass mein Hormonhaushalt verrücktspielt und ich regelmäßig von irrationalen Emotionen überwältigt werde.

Bleierne Müdigkeit und Nonstop-Gähnen

Es gibt Tage, an denen fällt es mir morgens schwer aufzuwachen. Kaum nehme ich meine Umgebung wahr, drifte ich schon wieder in den nächsten Traum hinein. Ich kämpfe gegen die Schwere meiner Lider an, versuche die Kontrolle zu erlangen und endlich zu mir zu kommen, doch ich habe keine Chance. Die Müdigkeit ist in den kurzen klaren Augenblicken des Erwachens überwältigend, selbst wenn bereits zehn Stunden Schlaf hinter mir liegen. In solchen Momenten fühle ich mich wie auf Drogen, weil ich nicht gegen die bleierne Schwere ankomme und wie betäubt von einem Traum in den nächsten übergehe. Habe ich es dann endlich geschafft, mich aufrecht hinzusetzen, einen Schluck Wasser zu trinken und die Augen offen zu halten, ahne ich bereits, dass mir das Schlimmste noch bevorsteht. Denn die erdrückende Müdigkeit bleibt an diesen Tagen. Anfangs habe ich verzweifelt nach Gründen für meine Erschöpfung gesucht und beispielsweise meinen Blutdruck gemessen, weil ich befürchtete, dass er vollkommen im Keller sei. Doch die Werte waren immer okay. Manchmal überkommt mich die lähmende Müdigkeit auch mitten am Tag, einfach aus dem Nichts heraus. Plötzlich muss ich gähnen. Einmal, zweimal, zwölfmal. Und noch mal. Das kann richtig peinlich werden, aber ich kann nichts gegen diese Gähn-Anfälle tun. Manchmal reiße ich zwanzigmal hintereinander den Mund auf, aber das befriedigende Gefühl bleibt aus. Es hat Jahre gedauert, bis ich dahintergekommen bin, dass sowohl die ausgeprägte Morgenmüdigkeit als auch das vermehrte Gähnen bei 20 bis 30 Prozent der Migräniker:innen zur Vorbotenphase gehören. Der Grund dafür sind Veränderungen der Botenstoffaktivität im Gehirn, die bereits ein bis zwei Tage vor der eigentlichen Attacke einsetzen. Kein Wunder, dass es für Betroffene gar nicht so leicht ist, eine Verbindung zwischen dem Gähnen und der erst zu einem viel späteren Zeitpunkt folgenden Migräne herzustellen.

Junge Frau sitzt auf dem Sofa und trinkt Tee. Thema: Migräne

Polyurie: Ständiges Wasserlassen

Einer der abstrusesten Migräne-Vorboten ist der übertriebene Drang zu pinkeln. Das klingt erst mal lustig, hat mir aber jahrelang Rätsel aufgegeben. Es gibt Tage, an denen renne ich alle fünfzehn Minuten zum Klo und bei jedem einzelnen Toilettengang fühle ich mich, als hätte ich eine fünfstündige Autofahrt hinter mir. Oft kann ich mir nicht ansatzweise erklären, wo mein Körper die Flüssigkeit hernimmt, die er so dringend loswerden will. Denn die ausgeschiedene Menge überschreitet definitiv die der zuvor zu mir genommenen Getränke. Ich fand dieses Phänomen schon immer sonderbar, doch da es meist nur einen Tag anhält und weder mit einem Brennen noch mit anderweitigen Schmerzen einhergeht, habe ich deswegen nie einen Arzt aufgesucht. Woher sollte ich auch wissen, dass sich eine Migräne bereits Tage im Voraus auf den Harndrang auswirken kann? Der Grund dafür sind Veränderungen im Hypothalamus, dem Teil des Gehirns, der als Schnittstelle zwischen Nerven- und Hormonsystem dient und grundlegende Körperfunktionen reguliert – unter anderem den Wasserhaushalt. Gerät die Produktion des Antidiuretischen Hormons (ADH) im Zuge einer Migräne durcheinander, kann das zu einer übermäßigen Urinausscheidung führen, weil der Körper das Wasser nicht mehr speichern kann. Manchmal äußert sich dieser ADH-Mangel auch durch ein extremes Durstgefühl. An diesen Tagen würde ich am liebsten eine ganze Wasserkiste an mein Bett stellen, weil ich gar nicht so viel trinken kann, wie mein Körper einfordert. Der vermehrte Harndrang kann auch unabhängig von dem unstillbaren Durst auftreten, die Ursache ist jedoch dieselbe: eine migränebedingte Hormonschwankung.

Ich werde manchmal ganz plötzlich von einem unguten, unterschwelligen Gefühl heimgesucht. An anderenTagen bin ich streitlustig oder nah am Wasser gebaut. Auch das sind Migräne-Vorboten.

Innere Unruhe, Ängste und Reizbarkeit

ADH ist nicht das einzige Hormon, dessen Produktion vor und während einer Migräneattacke immensen Schwankungen unterliegt. Auch der Haushalt sogenannter »Glückshormone« wie Serotonin und Dopamin gerät migränebedingt oft durcheinander, weshalb die beiden Neurotransmitter eine Schlüsselrolle bei der Erkrankung spielen. Der Seratoninspiegel fällt zu Beginn einer Attacke in den Keller, was eine Erweiterung der Blutgefäße im Gehirn zur Folge hat und die typischen pulsierenden Kopfschmerzen auslöst. Eine Störung des Dopaminsystems kann hingegen zu starker Übelkeit und Erbrechen führen. Diese Symptome sind den meisten Menschen bekannt, was jedoch seltener mit Migräne in Verbindung gebracht wird, sind starke Stimmungsschwankungen und überfordernde Emotionen, die einer Attacke vorauseilen können. Und das kommt gar nicht so selten vor: Ausgelöst durch neurologische Veränderungen im Gehirn, erleben viele Betroffene bis zu 48 Stunden vor der Migräne starke emotionale Schwankungen. Ich werde beispielsweise manchmal ganz plötzlich von einem extrem unguten, unterschwelligen Gefühl heimgesucht, das ich mir nicht erklären kann. Das passiert von jetzt auf gleich, ohne erkennbaren Grund, und löst vollkommen irrationale Ängste in mir aus. An anderen Tagen bin ich wiederum streitlustig oder sehr nah am Wasser gebaut. Vor meiner Periode habe ich diese Gefühlsachterbahn oft auf das prämenstruelle Syndrom (PMS) geschoben. Tatsächlich kann es sich dabei jedoch auch um ein neurologisches Warnsignal handeln, weil eine Migräne im Anmarsch ist.

Brainfog & Wortfindungsstörungen

Das letzte Symptom, auf das ich eingehen möchte, zählt meines Erachtens zu den unterschätztesten. Denn ich kann vor, während und nach einem Migräneanfall nicht klar denken. Und zwar nicht vor Schmerzen, sondern weil sich meine Gedanken anfühlen, als hätte sie jemand in Watte gepackt. Ich kann mich in dieser Phase nicht auf Gespräche konzentrieren, weil die Sätze bloß aus weiter Ferne zu mir durchdringen. Und wenn ich selbst etwas sagen will, fallen mir die einfachsten Wörter nicht ein. Hilflos stehe ich da, unfähig, mich zu artikulieren und gesagte Inhalte aufzugreifen. Dieser Nebel in meinem Gehirn, macht es mir an vielen Tagen sehr schwer zu funktionieren, obwohl von außen betrachtet alles in Ordnung scheint. Oft habe ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Kopfschmerzen (oder nicht mehr) und mir ist auch nicht schlecht, doch innerlich kämpfe ich gegen den Brainfog, der mir das Gefühl gibt, auf Morphium zu sein und die Außenwelt durch eine Glasglocke wahrzunehmen. Oft gehen auch Schwindel, Augenflimmern und weitere sensorische Störungen mit dem Nebel einher und alles in mir schreit danach, mich abzuschirmen und einfach nur in einem stillen Raum zu liegen. Doch gerade dieser Zustand tritt nicht selten über mehrere Tage auf – vor und nach den eigentlichen Schmerzattacken. Deshalb ist es schlichtweg unmöglich, sich jedes Mal aus dem Alltag auszuklinken, wenn es wieder so weit ist. Am Ende sind es diese Phasen des unsichtbaren Leids, die das Leben mit Migräne ausmachen. Weil wir an diesen Tagen kämpfen, ohne dass es jemand sieht.

Fortsetzung folgt im April.

Quellen

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de 

 

Foto: Manuel Paulus