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Junge Frau mit Kopfschmerzen auf dem Sofa. Tabletten in der Hand. Thema Migräne Junge Frau mit Kopfschmerzen auf dem Sofa. Tabletten in der Hand. Thema Migräne

Folge 34- Status migraenosus

Wenn die Migräne kein Ende nimmt

Das Licht am Ende des Tunnels einer Migräneattacke ist in der Regel ihr absehbares Ende. Selbst unbehandelt ist der quälende Zustand normalerweise spätestens nach 72 Stunden vorbei. Betroffene entwickeln daher oft ein Gespür dafür, wie lange sie noch durchhalten müssen, bis die schmerzlindernde Wirkung der Medikamente einsetzt. Doch was, wenn die Erlösung ausbleibt? Wenn die Anfälle über mehrere Tage oder sogar Wochen nahtlos ineinander übergehen und die Hoffnung auf Linderung langsam erlischt? Der sogenannte Status migraenosus wird von der International Headache Society offiziell als Migränekomplikation gelistet. In diesem persönlichen Text gibt Diana uns einen Einblick, wie es sich anfühlt, drei Wochen lang im Status gefangen zu sein.

"Vergiss die 10/20-Regel nicht"

Ich wache mit starken einseitigen Kopfschmerzen auf. Vor meinem rechten Auge flackert ein schwarzer Fleck und der Baustellenlärm von der Straße treibt mich in den Wahnsinn. Warum ist das so laut? Ist das Fenster offen? Etwa zehn Minuten liege ich reglos da und kann mich nicht überwinden, aufzustehen. Der Schmerz pulsiert hinter meiner Schläfe und alles in mir wehrt sich dagegen, in den Tag zu starten. Vermutlich, weil ich bereits weiß, dass sich mein Zustand heute nicht verbessern wird. An Tagen wie diesen hilft keine Dusche, kein Kaffee, nicht mal ein Medikament. Ich weiß das, weil mich der brennende Kopfschmerz bereits seit vier Tagen begleitet. Er ist gekommen, um zu bleiben. Als Freiberuflerin habe ich das Glück, in solchen Phasen etwas kürzer treten zu können. Doch nach fast einer Woche auf Sparflamme muss ich langsam wieder funktionieren, um meine Projekte nicht zu verlieren und am Ende des Monats meine Rechnungen bezahlen zu können. Langsam richte ich mich auf und ziehe den Vorhang zur Seite. Als das Tageslicht meine Netzhaut berührt, zucke ich zusammen und mich erfasst eine Welle der Übelkeit. Das Fenster ist geschlossen – der Lärm, der von draußen hereindringt, trotzdem nicht auszuhalten. Ich schlurfe in die Küche und bleibe unentschlossen vor meinem Medikamentenschrank stehen. Mein Kopf schreit um Hilfe, will alles nehmen, was er kriegen kann. Doch von Ibuprofen über Novalgin bis hin zu verschiedenen Triptanen habe ich in den vergangenen Tagen bereits alles ausprobiert – ohne Erfolg. »Egal«, denke ich und greife erneut zu meinem Notfallmedikament. »Vergiss die 10/20-Regel nicht«, meldet sich sofort mein schlechtes Gewissen und ich lege die Schachtel unschlüssig zurück. Die 10/20-Regel besagt, dass man nur an zehn Tagen pro Monat ein Triptan oder Schmerzmittel einnehmen darf, andernfalls droht ein dauerhafter Übergebrauchskopfschmerz. Panik: Was, wenn das bereits dieser Overuse-Kopfschmerz ist?

Ich gehe seit Tagen abends mit Migräne ins Bett und werde morgens wieder mit ihr wach.

Die Illusion des Funktionierens

Ich ahne zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das erst der Anfang ist. Angeschlagen schleppe ich mich durch den Tag, lege mich zwischendurch immer wieder hin und hoffe am Abend schließlich, dass die Welt am nächsten Morgen endlich wieder besser aussieht. Gegen vier Uhr wache ich vor Schmerzen auf. Die linke Seite meines Gehirns steht in Flammen, hinter meinem Auge pulsiert ein glühendes Stück Kohle. Schließlich nehme ich doch wieder ein Triptan ein, da die Schmerzen nicht auszuhalten sind. Meine Hände halte ich fest an den Kopf gepresst, doch der Wirkungseintritt lässt auf sich warten. Eineinhalb Stunden später schlafe ich erschöpft ein und baue die Schmerzen in meine Träume ein. Als ich schweißgebadet aufwache, ist es hell und im ersten Moment fühle ich mich besser. Doch als ich mich aufrichte, um nach der Wasserflasche zu greifen, kehrt das Pochen sofort zurück. Mein Handy piept. »Hey Diana, wollen wir vor unserem Kino-Date heute Abend vielleicht noch was Essen gehen? Ich freu mich, bis später!« Mir kommen die Tränen. Die Verabredung mit meiner Freundin steht bereits seit Wochen – und ich stehe nun (mal wieder) vor der Entscheidung, ob ich ihr absagen, oder mich ihr zuliebe mithilfe von Medikamenten durch den Abend quälen soll. Frustriert lege ich das Smartphone beiseite und gehe in Gedanken meine To-Dos durch. Am liebsten würde ich mich verkriechen und erst wieder aus meiner Höhle herauskommen, wenn die Dauermigräne überstanden ist. Ich fühle mich hilflos, kann nicht mehr klar denken. Es zerrt an meinen Kräften, abends mit Schmerzen ins Bett zu gehen und morgens wieder mit ihnen aufzuwachen. Immer und immer wieder. Mein Umfeld weiß nicht, wie sehr ich kämpfe. Von außen betrachtet funktioniere ich schließlich. Ich liege nicht 24/7 in einem dunklen Raum und umarme einen Eimer – weil diese Migräne nicht dem Klischee entspricht. Wenn ich mich in einem Status befinde, sind die Schmerzspitzen oft nicht so stark ausgeprägt wie üblich. Es ist die Kontinuität, die mich zermürbt. Ich schaffe es punktuell, all meine Kräfte zusammenzunehmen, um das Wichtigste zu erledigen, um nicht tagelang auszufallen. Ich beantworte wichtige Emails, schleppe mich mit dem Hund raus und manchmal skripte ich mit einer Wärmflasche im Nacken sogar an meiner nächsten Kolumne oder an einer Podcast-Folge. Bei Außenstehenden kommt an, dass es ja so schlimm nicht sein kann. Was jedoch was keiner sieht: Danach liege ich oft stundenlang flach. Ich leider unter massivem Brainfog und brauche für alles viermal so lang – bei doppelter Fehlerquote.

Junge Frau mit Kopfschmerzen auf dem Sofa. Tasse Tee in der Hand. Thema Migräne
Junge Frau mit Kopfschmerzen auf dem Sofa. Tasse Tee in der Hand. Thema Migräne

Migränestatus-Auslöser

In den meisten Fällen wird ein Status migraenosus durch eine der folgenden drei Ursachen ausgelöst:

  • Die Menstruation

Hormonschwankungen haben einen großen Einfluss auf die Entstehung von Migräne. Besonders während der Periode herrscht im Körper ein hormonelles Ungleichgewicht: Der abrupte Abfall des Östrogen- und Progesteronspiegels, der die Monatsblutung auslöst, begünstigt daher nicht nur Stimmungsschwankungen und ein Gefühl von Abgeschlagenheit, sondern auch Migräne. Typisch für einen menstruationsassoziierten Migränestatus sind kurze Pausen, in denen die Betroffenen glauben, die Attacke überwunden zu haben. Jedoch wandert diese meist bloß auf die andere Seite des Kopfes, wo die Migräne von vorne beginnt.

  • Der Medikamentenübergebrauch

Charakteristisch für diese Form des Status migraenosus ist der sogenannte Wiederkehrkopfschmerz. Zunächst helfen Triptane meist noch, doch sobald die Wirkung des Medikaments abklingt, kehrt die Migräne zurück. Aufgrund des Erfolges bei der Ersteinnahme wird oft erneut zu einem Triptan gegriffen, doch diesmal hält die Wirkung bereits nicht mehr so lange an. Wird das Spielchen daraufhin weiter fortgeführt, werden irgendwann nur noch die Schmerzspitzen gekappt – bis die Medikamente irgendwann gar nichts mehr ausrichten können und die Betroffenen verzweifelt im Bett ausharren.

  • Therapieresistente Migräne

In diesem Fall versagen von Anfang an alle Medikamente, auf die man sich für gewöhnlich verlassen kann. Verzweifelt greifen Betroffene in einer solchen Situation zu einer zweiten Dosis, obwohl sie wissen, dass das nach einer wirkungslosen Ersteinnahme sinnlos ist – und richtig: Die Situation bleibt unverändert. Daraufhin wird meist hilflos die Hausapotheke durchwühlt und nach alten Tabletten gegriffen, die noch nie geholfen haben. Nur um dann festzustellen, dass sie auch diesen Anfall nicht auf wundersame Weise beenden können. Therapieresistente Migräneattacken bleiben oft über mehrere Tage und bringen die Betroffenen an ihre Grenzen.

Ich hänge an einem Kortison-Tropf, um die Entzündungen an den Blutgefäßen meiner Hirnhäute zu blockieren und den Migränestatus zu beenden..

Kortison: Oft der einzige Ausweg

Inzwischen gehe ich auf das Ende der dritten Migränewoche zu. Desillusioniert und hoffnungslos liege ich seit Tagen im Bett im und kann einfach nicht mehr. Die Resignation hat das Steuer übernommen. Anfangs haben die Medikamente mir noch kurze Auszeiten verschafft, doch inzwischen ist es egal, ob ich Triptane, Schmerzmittel oder Gummibärchen zu mir nehme. Deshalb bin ich vor einigen Tagen auf den freiverkäuflichen Übelkeitshemmer Dimenhydrinat (aka Vomex) umgestiegen. Das Medikament fällt nicht unter die 10/20-Regel, aber sediert mich zumindest so weit, dass ich hin und wieder einschlafen kann. Das ist nicht mein erster Migränestatus, aber der längste. Meine letzten Monate waren von Todesfällen in der Familie, Stress im Job und zu wenig Schlaf geprägt. Meine Periode und der anfängliche Medikamentenübergebrauch – um weiter funktionieren zu können – haben mir den Rest gegeben. Mein Kopf streikt. Am nächsten Morgen ruft mich meine Mutter an und ich breche weinend zusammen. Nach unserem Gespräch schreibe ich meiner Neurologin und werde sofort in die Praxis bestellt. Sie nickt wissend, als ich ihr meinen Zustand beschreibe und versichert mir, dass sie mir helfen kann. Fünf Minuten später hänge ich an einem Tropf und es sickert eine Ladung Kortison in meinen Arm, um die Entzündungen an den Blutgefäßen meiner Hirnhäute zu blockieren. Am nächsten Tag spüre ich bereits eine Veränderung, lege aber noch eine weitere Kortison-Dosis in Tablettenform nach. Und dann ist der Teufelskreis endlich durchbrochen. Meine Ärztin hat den Reset-Knopf gedrückt. Ich bin zurück.

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de 

 

Foto: Manuel Paulus