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Junge Frau sitzt nachdenklich am Fenster. Thema Migräne und Trauer Junge Frau sitzt nachdenklich am Fenster. Thema Migräne und Trauer

Folge 32- Wenn Trauer zum Trigger wird

Migräne infolge eines Verlustes

Migräne geht oft mit der Überschreitung von Belastungsgrenzen einher, weshalb Betroffenen dazu geraten wird, ihren Alltag vorausschauend zu planen und genügend Pausen einzulegen. Jedoch funktioniert das in der Realität nur bedingt, da sich schlichtweg nicht alles planen lässt. Bei unvorhergesehenen Zwischenfällen ist es daher ratsam, die migränebedingte Überforderung vor anderen nicht herunterzuspielen und Entlastungsangebote anzunehmen. Aber was, wenn plötzlich eine nahestehende Person verstirbt und das gesamte Umfeld mit der Trauer zu kämpfen hat? Diana hat dieses Jahr innerhalb kürzester Zeit zwei Familienmitglieder verloren und in dieser schweren Zeit eine besonders zermürbende Migränephase erlebt.

Das Trauer-Tabu brechen

Ich habe lange überlegt, ob ich die körperlichen Folgen des Verlustes, der mir im vergangenen Spätsommer widerfahren ist, überhaupt in dieser Kolumne thematisieren möchte. Die Vorstellung, über diese sehr privaten Momente zu schreiben, erschien mir zu schmerzhaft und irgendwie auch prätentiös. Doch als ich dem Zusammenhang von Trauer und Migräne schließlich auf den Grund gehen wollte und keinerlei Erfahrungsberichte dazu gefunden habe, hat mich das sauer gemacht. Weil der Tod und alle Herausforderungen, die er mit sich bringt, in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert werden. Während Hinterbliebene in anderen Teilen der Erde zu ausschweifenden Festen zusammenkommen, um ihrer Toten zu gedenken, wird bei uns steif kondoliert und von den Angehörigen erwartet, dass sie sich zusammenreißen und funktionieren. »Kopf hoch, das Leben geht weiter!« In Deutschland findet Trauer lediglich im Privaten statt, um anderen nicht zur Last zu fallen. Wir haben es nicht anders gelernt und spielen das Spiel einfach mit. Die Quittung für dieses »Durchhaltevermögen« bekommen viele Trauernde zeitverzögert. Meist sogar erst dann, wenn Außenstehende bereits glauben, das Schlimmste sei überstanden. Verdrängte Trauer führt jedoch nicht selten zu einem sogenannten »Trauer-Burnout«, das unter anderem mit Symptomen wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit und Kopf- oder Magenschmerzen einhergeht. Und genau das möchte ich mir und anderen gerne ersparen und mit diesem Text ein Zeichen setzen. Denn Trauer ist individuell und wer einen geliebten Menschen verloren hat, sollte nicht funktionieren müssen – vor allem nicht, wenn man unter chronischer Migräne leidet. Wir müssen über unsere Trauer sprechen, anstatt uns stark zu geben.

In Deutschland findet Trauer lediglich im Privaten statt, um anderen nicht zur Last zu fallen. Die Quittung für dieses »Durchhaltevermögen« bekommen wir zeitverzögert.

Der Schockzustand

Ich habe meiner Mutter sofort am Gesicht angesehen, dass irgendetwas nicht stimmt. Mein Partner und ich kamen gerade aus Frankreich zurück, wo wir einen wunderschönen Camping-Urlaub verbracht hatten, doch die Freude darüber hielt nicht lange an. Eine uns nahestehende Angehörige war überraschend verstorben und ich hatte ernsthafte Probleme, zu glauben, was ich da hörte. Sie hatte mich doch an meinem Geburtstag noch besucht und überhaupt: Sie war doch viel zu jung! In den folgenden Tagen kreisten meine Gedanken um ihre engsten Angehörigen und die Beerdigung, die uns nun bevorstand. Obwohl wir uns bloß ein- bis zweimal im Jahr gesehen hatten, erfüllte mich die Abwesenheit der Verstorbenen mit einer tiefen Traurigkeit. Leider kam es in der Woche drauf noch schlimmer, als meine geliebte Oma plötzlich einen Schlaganfall erlitt. Sechs Stunden lang saß ich im Krankenhaus an ihrem Sterbebett, doch die Ärzt*innen konnten nichts mehr für sie tun. In dieser Nacht kehrten meine Mutter und ich in die verlassene Wohnung meiner Oma zurück und unsere Gedanken kamen nicht mehr hinterher. Im Schlafzimmer hing die schwarze Kleidung über der Stuhllehne, die sie bereits für die anstehende Beerdigung der anderen Person herausgelegt hatte. Nun mussten wir auf zwei Beerdigungen gehen und ihren Kleiderschrank nach einem passenden Outfit für ihre eigene letzte Reise durchsuchen. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, dauerte es einen Moment, bis die Erinnerungen an das Geschehene zurückkehrten und plötzlich standen unzählige To-Dos im Raum. Ich hatte keinen Hunger, aber Kopfschmerzen vom Weinen und einen Stein auf der Brust. Als mein Onkel kurz darauf klingelte, um mit uns zum Bestatter zu fahren, nahm ich vorsichtshalber eine Ibu, doch die verpuffte wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Bereits im Auto bemerkte ich ein Flackern auf dem rechten Auge und die Unterhaltung der anderen kam mir plötzlich übertrieben laut vor. Wie ferngesteuert öffnete ich meine Handtasche und suchte nach einem Triptan, doch konnte keins finden. Panisch schüttete ich den Inhalt der Tasche auf der Rückbank aus, aber alles, was ich fand, waren verblasste Kassenbons und eine alte Packung Mentos. Ich saß in der Klemme: Einerseits wollte ich den anderen bei dem Termin beistehen und sie unterstützen, die Trauerfeier im Sinne meiner Oma zu gestalten. Andererseits zog eine heftige Migräneattacke am Horizont auf und es war bereits zu spät, um noch mal umzukehren.

Junge Frau liegt traurig auf dem Sofa. Thema Migräne und Trauer

Unsichtbares Leid x 2

Dass Trauer Migräne auslösen kann, ist nicht verwunderlich. Schließlich handelt es sich dabei um eine starke emotionale Belastung, bei der viele Emotionen wie Angst, Wut und Traurigkeit zusammenkommen. Auch körperliche Stressfaktoren, wie unregelmäßige Mahlzeiten, Schlafmangel, Tränen und geschwollene Augen sind dabei nicht zu unterschätzen. Allein das Weinen ist für den Körper sehr anstrengend, weil es dabei zu einem erhöhten Energieverbrauch kommt, der Erschöpfungszustände auslösen kann. Außerdem werden durch die überbordenden Emotionen Botenstoffe ausgeschüttet, die zu Kopfschmerzen führen können, welche bei Betroffenen wiederum nicht selten zum Türöffner für eine Migräneattacke werden. Denke ich an das Gespräch beim Bestatter zurück, kann ich hinter allen genannten Punkten einen Haken setzen. Kein Wunder, dass die Migräne noch vor Ort eskalierte. Das Stimmengewirr wurde in meinem Kopf immer lauter und nahm unerträgliche Ausmaße an, obwohl der Tonfall der Anwesenden situationsbedingt vermutlich eher gedämpft war. Das Augenflackern wurde schlimmer und von jetzt auf gleich stieg eine Übelkeit der ekligsten Art in mir auf. Und trotzdem funktionierte ich. Ich hörte zu, schaute die Muster der Traueranzeigen durch und half schließlich – am Ende einer langen Treppe – die Urne auszusuchen. Mir ging es beschissen und ich wusste, dass es klüger gewesen wäre, in der Horizontalen auf der Rückbank des Autos zu warten. Aber Todesfälle lassen sich nun mal nicht planen und ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich nicht mitgegangen wäre. Doch die Trauermigräne lauert ihren Opfer nicht bloß in den ersten Tagen auf. Nach dem anfänglichen Schock stellt sich zunächst oft ein Gefühl der Benommenheit ein, weshalb viele Hinterbliebene in dieser Phase das Gefühl haben, ferngesteuert zu sein. Diese emotionale Erstarrung gehört zur Phase des »Nicht-Wahrhaben-Wollens« und hilft den Betroffenen, die Tragweite des Verlustes vorübergehend auszublenden, um funktionieren zu können. Ein Schutzmechanismus, der auch die Migräne in Schach halten kann, wenn es darauf ankommt.

Allein das Weinen ist für den Körper sehr anstrengend, weil es dabei zu einem erhöhten Energieverbrauch kommt, der zu Erschöpfung führt und Migräne auslösen kann.

Die Wucht der Akzeptanz

Doch diese ferngesteuerten Tage sind gezählt und spätestens, wenn die Trauerfeier geschafft ist und die vollumfängliche Tragweite des Verlustes durchsickert, lassen sich die Emotionen in der Regel nicht länger zurückhalten. Insbesondere in den ersten sechs Monaten nach einem Todesfall kann sich die Trauer sogar auf unseren Hormonhaushalt auswirken. Steigt der Cortisol-Spiegel an, beeinflusst das unser Herz-Kreislauf-System und die Schlafqualität lässt nach. Außerdem wird das Immunsystem durch die Stresshormone geschwächt. Unser Körper versucht in dieser Phase zwar gegenzusteuern, beispielsweise durch die Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin, wenn wir weinen – doch gerade für Migräniker*innen können die hormonellen Schwankungen und das damit einhergehende Gefühlschaos schnell zu einem Dauertrigger werden. Leider ist es auch bei mir nicht bei einer Migräne geblieben, die ich auf die Trauer zurückführen konnte. Als schließlich beide Beisetzungen hinter mir lagen und ich das erste Mal seit zehn Tagen alleine zuhause war, bin ich weinend zusammengebrochen. Erst da merkte ich, wie sehr ich mich die ganze Zeit über für mein Umfeld zusammengerissen hatte. Plötzlich kamen all die Erinnerungen an die beiden verstorbenen Personen hoch, die ich seit ihrem Tod verdrängt und nicht zugelassen hatte. Einmal gespürt, ließen sie sich nicht mehr wegsperren. In jeder Vase, in jeder Tasse Kaffee und in jedem Radiosong fand ich etwas, das mich an sie erinnerte. Minutiös ging ich in Gedanken unsere letzten Begegnungen durch und plötzlich bereute ich es zum Beispiel, meine Oma nie nach diesem einen Rezept gefragt zu haben. In den Wochen darauf war ich maximal unkonzentriert und übermüdet. Doch sobald ich ins Bett ging, starrte ich bis morgens die Decke an. Das Resultat: Dauerkopfschmerzen und Migräneattacken am laufenden Band. Inzwischen sind zwei Monate seit meinem Verlust vergangen und die Anzahl meiner Schmerztage normalisiert sich langsam wieder. Der Gedanke, nicht funktionieren zu müssen, hilft. Der Schmerz in meinem Herzen bleibt.

Diana Ringelsiep

Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin

Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.

  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen

www.diana-ringelsiep.de 

 

Foto: Manuel Paulus