Sprechblase mit der Aufschrift dein Sorgenfresser

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Skin Picking —wenn Pulen und Kratzen zum Zwang werden

„Zum Glück ist dieser Tag endlich vorbei“, sagt Julia zu sich selbst und legt sich auf ihr Bett. Die anderen Kids haben sie heute nicht in Ruhe gelassen, deren Gemeinheiten werden immer bösartiger. „Streuselkuchen“, „Pickelfresse“ oder „Clearasil-Testgelände“ sind nur einige der vielen Beleidigungen, die sie täglich anhören muss.

Kratzen bis es wehtut

Mit 13 Jahren steckt Julia mitten in der Pubertät und leidet stark unter ihrer Akne. Doch in letzter Zeit hat sie noch ein ganz anderes Problem. Wenn sie abends alleine Zuhause ist und an die Schule und ihre Mitschüler denkt, überkommt sie ein innerer Drang. Sie fängt an ihre Haut zu kratzen, ihre Wunden immer wieder aufzupulen, bis es wehtut und sie keinen seelischen Schmerz mehr spürt. Ihre Eltern machen sich langsam Sorgen, denn manchmal kratzt Julia so lange an ihrer Haut, dass sie sich entzündet und sie es kaum noch verstecken kann. Julias Mutter hat stundenlang bei Google gesucht und ist am Ende zu dem Schluss gekommen, dass ihre Tochter vielleicht krank ist – und sie hat recht.
Bei Julias innerem Drang an der Haut zu kratzen, handelt es sich um eine psychische Störung, die noch wenig erforscht ist: Das sogenannte Skin-Picking, auch unter dem Namen Dermatillomanie bekannt.

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Insbesondere Mädchen leiden unter Skin Picking. Sie isolieren sich immer mehr, weil sie die verletzte Haut nicht mehr öffentlich zeigen wollen.

Skin Picking – bin ich nicht mehr attraktiv?

Leidet die Haut, leidet die Seele

Dass wir unsere Haut gelegentlich anfassen, kratzen oder drücken ist unbedenklich. Bei Menschen, die von der Dermatillomanie betroffen sind, nimmt dieser Prozess überhand, sie verlieren die Kontrolle über das eigene Verhalten und es entwickelt sich zu einem regelrechten Zwang.

Sie kratzen, pulen, drücken oder knibbeln teilweise so lange an der Haut, bis Rötungen, Wunden und Entzündungen entstehen und Blut fließt. Die Betroffenen fühlen sich dadurch psychisch und körperlich eingeschränkt und im Alltagsleben beeinträchtigt. Das hat in erster Linie auch mit der äußerlichen Attraktivität zu tun, denn durch das Skin-Picking wird die Haut regelrecht malträtiert.

Dadurch bildet sich ein Teufelskreis, weil die Betroffenen ihr Verhalten selbst nicht verstehen, starke Schuld- und Schamgefühle wegen ihres Aussehens entwickeln, jedoch erneut an der Haut knibbeln, um wiederum den daraus resultierenden Stress zu kompensieren.

Frauen leiden öfter unter Skin Picking

Schätzungsweise sind ein bis fünf Prozent der weltweiten Bevölkerung von dieser Störung betroffen, wobei 60 bis 90 Prozent der Betroffenen Frauen sind. Die anerkannte psychische Erkrankung wird den Impulskontrollstörungen zugeordnet und tritt häufig bereits im Kindes- oder frühen Jugendalter auf. Doch auch Erwachsene leiden unter der nervösen Manipulation der Haut, die phasenhaft verläuft und sich ohne Behandlung zu einem chronischen Problem entwickeln kann.

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Lass sie nicht sagen, dass du nicht schön bist. Schei* auf sie, bleib dir einfach selbst treu.

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Julia sucht sich Hilfe

Die Ursachen für diese Krankheit sind noch weitestgehend unerforscht und aussagekräftige empirische Befunde fehlen. Fest steht, dass das schädigende Verhalten häufig durch das Vorhandensein eines Pickels, Mückenstichs oder einer Kruste in Verbindung mit einer Stresssituation (Leistungsdruck, Streit, Sorgen) oder einem Trauma ausgelöst wird. Sobald eine „Routine“ eintritt, kann es in den unterschiedlichsten Situationen zum Kratzen, Pulen oder Knibbeln kommen: Während Freizeitaktivitäten wie Lesen oder Fernsehen, aus purer Langeweile oder bei akutem Stress bietet das Skin-Picking den Betroffenen ein Ventil für ihre Gefühlszustände – vor allem die negativen.

Schluss mit den Problemen

Eine konventionelle Behandlung für das Skin-Picking gibt es nicht. Allerdings hat sich eine spezielle medikamentöse Behandlung, eine kognitive Verhaltenstherapie oder gar eine Kombination aus beidem bei dieser Erkrankung bewährt. Welcher Ansatz sich am besten eignet, sollte natürlich mit einem Arzt besprochen werden. Darüber hinaus gibt es spezielle Kurse und Selbsthilfegruppen, durch die man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann.

Zudem ist zum Thema das Selbsthilfebuch „In meiner Haut“ von Barbara Schubert sehr zu empfehlen. Es richtet sich an Betroffene und Angehörige dieser Krankheit. Julia hat dieses Buch auch gelesen, besucht nun regelmäßig eine Selbsthilfegruppe in der nächstgrößeren Stadt und ist auf vielen Blogs unterwegs, auf denen andere Betroffene von ihrem Schicksal erzählen. Ihre Mutter hat sie mittlerweile an einer anderen Schule angemeldet, an der sie schnell neue Freunde gefunden hat. Mobbing ist dort kein Thema mehr. Nach einer langen und schwierigen Phase kann Julia das Leben endlich wieder genießen.

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