ZWEI IM GESPRÄCH – Jung & krebskrank

GettyImages-888432886-2-1024×682

„Der Tag, an dem die Erkrankung hinter dir liegt, kommt nicht von heute auf morgen.“

Eineinhalb Jahre lang leidet Betül Altun unter starken Blutungen, doch die Ärzte tappen im Dunkeln. In einem Türkeiurlaub erhält die damals 25-jährige Auszubildende schließlich die schockierende Diagnose: An ihrer Vaginalwand befindet sich ein acht Zentimeter großer Tumor, der bereits auf den Darm übergegangen ist. Im Interview spricht die Duisburgerin über ihren Kampf gegen den Krebs.

ca 11 Minuten Lesezeit

Wie sah dein Alltag vor der Erkrankung aus?

Rückblickend würde ich ihn als relativ normal beschreiben. Ich habe viel Zeit mit meinen Freundinnen verbracht, Bücher gelesen und bin gerne ins Kino und zum Klarinettenunterricht gegangen. Außerdem war ich kurz davor, meine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement abzuschließen und ich freute mich schon darauf, nach den Abschlussprüfungen die Firma zu wechseln und eine neue Stelle anzutreten. Doch dazu ist es leider nicht gekommen.

Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Im April 2017 habe ich starke Blutungen bekommen. Anfangs dachte ich, dass es bloß eine stärkere Periode sei, doch irgendetwas war anders. Nach einem knappen Monat mit anhaltenden Blutungen habe ich schließlich meine Frauenärztin aufgesucht, die sofort eine Magnetresonanztomographie (MRT) veranlasste. Der zuständige Radiologe erklärte mir, dass auf den Bildern ein Myom zu sehen sei. Doch er versicherte mir, dass kein Grund zur Sorge bestehe und dass ich bei meiner Frauenärztin in guten Händen sei. Ich beschloss dennoch, eine zweite Meinung einzuholen und wechselte die Gynäkologin. Diese vermutete, dass eine Hormonstörung für die Blutungen verantwortlich sei und riet mir daraufhin zu einer Hormontherapie. Anfangs war ich erleichtert, da endlich etwas unternommen wurde. Aber als die Beschwerden nicht nachließen, begann ich zunehmend, an der Diagnose des Radiologen und der Behandlung meiner Frauenärztin zu zweifeln. In den folgenden Monaten suchte ich noch weitere Ärzte auf, doch leider konnte mir keiner von ihnen sagen, was mit mir los war.

 

Interview Alexander Waldhelm 2 (2)

Wie ging es dann weiter?

Im Sommer 2018 habe ich Urlaub bei meiner Familie in der Türkei gemacht. Dort erzählte ich einer Bekannten von den Blutungsstörungen, unter denen ich zu dem Zeitpunkt bereits seit eineinhalb Jahren litt. Sie war fassungslos und riet mir, umgehend ein Krankenhaus in Istanbul aufzusuchen. Am nächsten Tag fuhr ich in Begleitung meiner Mutter und meiner Tante dorthin. Die zuständige Ärztin machte einen Ultraschall und sah sofort, dass etwas nicht stimmte. In den darauffolgenden Tagen musste ich zahlreiche Untersuchungen über mich ergehen lassen, die schließlich die Wahrheit ans Tageslicht brachten: Es war keine Hormonstörung, die mir Beschwerden bereitete – sondern ein Tumor im vierten Stadium, der in den vergangenen eineinhalb Jahren auf acht Zentimeter herangewachsen war und sich bereits von der Innenwand meiner Vagina auf den Enddarm ausgebreitet hatte.

Endlich Gewissheit

Weißt du noch, was dir damals durch den Kopf ging?

Im ersten Moment war ich geschockt, doch dann machte sich Erleichterung breit. Über einen so langen Zeitraum hatte mir kein Arzt helfen können – deshalb war ich einfach froh, dass die Ungewissheit ein Ende hatte. Die ständigen Blutungsstörungen hatten dazu geführt, dass ich mich seit Monaten müde und antriebslos fühlte. Am liebsten hätte ich rund um die Uhr geschlafen und alle in meinem Umfeld machten sich Sorgen um mich. Nun gab es endlich eine Erklärung für die Beschwerden und somit auch Handlungsmöglichkeiten. Allerdings musste ich die Diagnose erst mal verarbeiten. Die Ärztin in der Türkei wollte hingegen sofort mit der Chemotherapie beginnen. Das ging mir zu schnell. Schließlich lagen eine dreijährige Ausbildung und ein kräftezehrender Ärztemarathon hinter mir. Die geplante Urlaubswoche wollte ich mir daher keinesfalls nehmen lassen.

War denn an Urlaub überhaupt noch zu denken?

Ich habe kein Geheimnis aus der Diagnose gemacht, weshalb meine Angehörigen natürlich alle sehr traurig waren. Mir war aber gar nicht danach zumute, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Ich habe die Zeit im Kreis meiner Liebsten sehr genossen und bin optimistisch an Sache herangegangen. Selbst in Istanbul habe ich das Beste aus der Situation gemacht und nach den morgendlichen Untersuchungen im Krankenhaus oft noch ein Museum besucht oder Sightseeing gemacht. Die Woche bei meiner Familie am Schwarzen Meer hat mir anschließend geholfen, den Kopf freizubekommen und Kraft für die bevorstehende Therapie zu tanken. Das hat mich allerdings nicht davon abgehalten, die Hochzeit meines Cousins zu besuchen, auf der ich genauso viel getanzt und gelacht habe wie die anderen Gäste.

 

Interview Alexander Waldhelm 2 (2)

Was erwartete dich nach deiner Rückreise in Deutschland?

Zurück in Duisburg ging die ganze Prozedur von vorne los. Alle Untersuchungen mussten wiederholt werden, doch das Ergebnis blieb dasselbe. Die Ärzte waren fassungslos, weil das Vaginalkarzinom eineinhalb Jahre nicht erkannt worden war. Zum Glück hatte der Tumor nicht gestreut. Doch die Tatsache, dass er bereits in den Enddarm hingewachsen war, erschwerte die operative Entfernung erheblich. Zur Besprechung meines Therapieplans wurde ich schließlich von meiner Mutter und ihrer besten Freundin ins Krankenhaus begleitet. Als der Professor mich an jenem Morgen nach meinem Geburtstag fragte, erschraken die beiden. „Der ist heute“, antwortete ich. Meine Mutter und ihre Freundin hatten ihn in der Aufregung vergessen.

Hat dich das traurig gemacht?

Nein, gar nicht. Wir waren mit den Gedanken alle woanders und ich habe meine Mutter an dem Morgen absichtlich nicht darauf hingewiesen. Das hat sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Als wir am Nachmittag wieder Zuhause waren, hat sie spontan meine Freundinnen, einige Angehörige und Nachbarn eingeladen und eine Überraschungsparty für mich organisiert. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Es war schön, an meinem 26. Geburtstag noch mal alle zu sehen, bevor die Therapie losging. Das hat mich motiviert.

Interview Alexander Waldhelm 2 (2)

Alltag einer Kämpferin

 Wie sah dein Therapieplan aus, und wie ging es dir in dieser Zeit?

Den ersten Zyklus der Chemotherapie habe ich überraschend gut vertragen. Mir sind nicht mal die Haare ausgegangen. Der Onkologe konnte es kaum glauben, als ich ihm davon erzählte, denn er war offenbar schon seit Wochen davon ausgegangen, dass ich eine Perücke trug. Die Strahlentherapie war deutlich unangenehmer, da sie immer wieder zu schmerzhaften Harnwegsinfektionen führte. Ich bin damals vor jedem meiner Therapie-Termine in einen inneren Dialog mit meinem Körper getreten und habe ihm Mut zugesprochen. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber es hat mir geholfen, all das durchzustehen. Für die Operation wurde ich schließlich in ein Krankenhaus nach Neuss verlegt. Als der Tag gekommen war, habe ich mir die Haare gemacht, mein Gesicht eingecremt und Lippenstift aufgetragen. Ich wollte mich einfach gut fühlen und positiv in die OP hineingehen. Meine Familie war sehr aufgeregt und als wir uns verabschieden mussten, sagte ich: „Keine Sorge, wir sehen uns in dreieinhalb Stunden wieder.“ Tatsächlich konnten nicht einmal die Ärzte sagen, wie lange der Eingriff dauern wird. Doch ich habe Recht behalten, nach dreieinhalb Stunden hatte ich es geschafft. Und der Lippenstift war noch drauf, als ich aufwachte.

Wie hast du die OP verkraftet und wie sahen die nächsten Schritte aus?

Als ich wach wurde, waren überall Schläuche und Drainagen, doch das Schlimmste war der künstliche Darmausgang für mich. Ich musste mich erst an den Gedanken gewöhnen und den Umgang mit dem Beutel erlernen. Zudem traten immer wieder neue Komplikationen auf, die zu weiteren OPs führten und mich zunehmend schwächten. Am Ende war ich von 53 auf 45 Kilogramm runter. Ich fühlte mich, als würde ich im Körper eines Kindes stecken. Hinzu kamen unkontrollierte Schweißausbrüche, die ich über Monate nicht in den Griff bekam. Rückblickend war das die schwerste Zeit. Bis dahin hatte ich nie über den Tod nachgedacht, doch plötzlich wuchs mit jeder Operation die Angst in mir, beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr aufzuwachen und meine Familie nie wiederzusehen. Damals habe ich viel gebetet, das hat mir Kraft gegeben. Und dank der guten Kochkünste meiner Mutter habe ich dann auch langsam wieder zugenommen. Am Ende waren es acht Operationen, die ich innerhalb eines Jahres überstanden habe. Bei der letzten wurde mein Dünndarmausgang wieder nach innen verlegt. Kurz zuvor hatte der zweite Zyklus der Chemotherapie begonnen und plötzlich gingen mir doch noch büschelweise die Haare aus. Aber das Schlimmste waren die nächtlichen Muskelkrämpfe. Alles in allem war es ein sehr kräftezehrendes Jahr.

Interview Alexander Waldhelm 2 (2)

Womit hast du dich abgelenkt, wenn dir alles zu viel wurde?

Papierkram. In unserer Familie bin ich es, die sich darum kümmert, dass Anträge und Formulare richtig ausgefüllt und Fristen eingehalten werden. Darin bin ich einfach gut. Also habe ich meinem Bruder immer aufgetragen, mir bestimmte Unterlagen mit ins Krankenhaus zu bringen. Und wenn ich sie alle durchgesehen hatte, habe ich Aufgaben verteilt: „Wehe, das ist nicht erledigt, wenn ich aus dem OP komme!“ Meine Mutter hat immer geschimpft, weil ich mich ausruhen sollte. Doch in Wahrheit hat mich der Papierkram auf andere Gedanken gebracht.

In kleinen Schritten ans Ziel

 Wann hast du realisiert, dass es wieder bergauf gehen wird?

Als ich die letzte Operation hinter mir hatte und ich endlich den künstlichen Darmausgang samt Beutel los war. Als ich an dem Tag aus der Narkose aufgewacht bin, habe ich meine Mutter angeschaut und gesagt: „Mama, es ist vorbei.“ Sie fing sofort an zu weinen und sagte: „Ja, es ist vorbei.“ Das war zwei Tage vor meinem 27. Geburtstag. Wir behielten Recht, das Schlimmste war überstanden, dennoch habe ich damals unterschätzt, wie lange es dauern wird, mir mein Leben zurückzuerobern. In der akuten Phase der Erkrankung habe ich immer wieder den Tag herbeigesehnt, an dem endlich alles überstanden ist. Doch ein solcher Tag kommt nicht von heute auf morgen. Erst als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde und nicht mehr funktionieren musste, merkte ich, wie viel es noch zu verarbeiten gibt und dass ich auch körperlich nicht einfach zum Alltag übergehen kann. Mein Darm und meine Blase machen mir zum Beispiel bis heute Beschwerden. Außerdem leide ich auch eineinhalb Jahren nach meiner Entlassung noch immer unter der sogenannten „krebsbedingten Fatigue“ – einem chronischen Erschöpfungszustand. Es hat etwas gedauert, bis ich realisiert habe, dass ich nicht mehr zehn Dinge gleichzeitig tun kann und dass es okay ist, auch mal „Nein“ zu sagen.

Wie sieht dein Alltag heute aus?

Durch die Corona-Pandemie leider etwas anders als erhofft. Meine Freundinnen sehe ich aktuell nur selten, aber wir telefonieren regelmäßig, machen Videochats und treffen uns hin und wieder auf einen Spaziergang. Dasselbe gilt für meine Familie. Aber ich will mich nicht beschweren. Wenn alles klappt, werde ich im März meinen Klarinettenunterricht wieder aufnehmen. Außerdem möchte ich dieses Jahr die Abschlussprüfungen meiner Ausbildung nachholen und endlich den Führerschein machen. Damit dürfte ich erst mal beschäftigt sein.

Interview Alexander Waldhelm 2 (2)

Gibt es etwas, was du Betroffenen mit auf den Weg geben möchtest?

Ich denke oft an die Krebspatienten, die aktuell ans Krankenhaus gefesselt sind und Angst haben, sich dort mit COVID-19 zu infizieren. Es muss furchtbar sein, in einer so schweren Lebensphase keinen Besuch empfangen zu dürfen. Deshalb möchte ich allen Betroffenen raten, regelmäßig zum Handy zu greifen. Oft hilft es schon, eine vertraute Stimme zu hören, wenn es einem schlecht geht. Das Lachen einer vertrauten Person im Videochat sagt mehr als tausend Worte. Außerdem kann ich es wirklich empfehlen, sich ein Hobby zur Ablenkung zu suchen. Der Papierkram hat mich damals auf andere Gedanken gebracht, weil er nichts mit meiner Erkrankung zu tun hatte und ich mir immer wieder kleine Ziele setzen konnte. Andere machen vielleicht lieber Kreuzworträtsel oder stricken einen Schal. Was es auch ist, es kann dabei helfen, nach vorne zu schauen und positiv zu bleiben. Und genau darauf kommt es an.

»

Wer spricht hier?

«

Betül Altun

Betül wurde 1992 in Duisburg geboren, ging hier zur Schule und begann eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Diese wurde durch die Krebserkrankung unterbrochen und ihre Pläne für die Zeit danach ausgebremst. Jetzt, anderthalb Jahre nach Therapieabschluss, kann sie sich Stück für Stück ihre Wünsche erfüllen: die Abschlussprüfung nachholen, wieder Klarinettenunterricht nehmen und den Führerschein machen.

3_IMG_9754 (2)

Diana Ringelsiep

Die Journalistin, Texterin und Autorin wurde 1985 in Bochum geboren. Nach ihrem Kulturjournalismus-Studium an der Universität der Künste in Berlin fokussierte sie sich zunächst auf den Bereich Musikjournalismus, in dem sie u. a. als Herausgeberin, Reporterin und Kolumnistin tätig war. Nach einer Recherchereise, mit dem Musikmanager Felix Bundschuh, quer durch Südostasien. Erschien ihr erstes Buch „A Global Mess – Eine SubkulTour durch Südastasien“. Inzwischen lebt die freie Journalistin und Autorin in Essen.

IMG_9756 (2)

Ein besonderes Fotoshooting

Wir haben Betül im Jahr 2019 persönlich kennengelernt, als sie unserer Einladung zu einem ganz besonderen Fotoshooting gefolgt ist: Mit unserem „Tag des Lächelns“ konnten an Krebs erkrankte Frauen Krankheit und Therapien für diesen einen Tag vergessen. Es war ein emotionaler und sehr schöner Tag, der für alle eine tolle Erfahrung und eine bleibende Erinnerung ist. Einen Teil von Betüls Fotos seht ihr hier:

Was dich noch interessiert

Bild Zahn Mund
Krebs und Corona

„Ein Dreivierteljahr bin ich durch die Hölle gegangen und habe den Tag herbeigesehnt, an dem die Chemo, die OP und die Reha hinter mir liegen und ich wieder rausgehen und mich mit Freunden treffen kann. Und dann war es endlich soweit und ich wurde zur Risikopatientin erklärt.“

Schlafen - Frau sitzt ganz ausgeschlafen und entspannt im Bett
Wenn die Seele den Körper krankmacht

Wer seelisch belastet ist, klagt meist auch über körperliche Beschwerden, fühlt sich schwach oder hat Schmerzen. Dies ist kein Zeichen von persönlicher Schwäche, sondern ein Hilferuf unserer Seele – und es gibt Menschen, die uns bei der Bewältigung helfen können.

Bild Zahn Mund
Vorsorge für alle!

„Mit der Gesundheit ist es wie mit dem Salz: Man bemerkt nur, wenn es fehlt.“ – italienisches Sprichwort

Darum ist Vorsorge so wichtig. Mach mit und finde bei uns deine persönlichen Vorsorgemaßnahmen.