Interview mit Karoline Haufe

Kinderseele in Not

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Zur Person

Karoline Haufe ist 1. Vorstandsvorsitzende von Trans-Kinder-Netz e.V., einem Verein für Eltern und Familienangehörige von minderjährigen Transkindern.

TRAKINE tritt für die Rechte und Bedürfnisse von trans*Kindern ein und bietet Unterstützung und Austausch. Zu den Aktivitäten gehören die Vermittlung von Kontakten und Elternberatungen.

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Eltern sollten die Gewissheiten ihrer Kinder ernst nehmen und genau zuhören.

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Frau Haufe, was bedeutet ein Verein wie Trans-Kinder-Netz e.V. für die Menschen, die Sie zusammenbringen?

Es gibt Kinder, die keine anderen trans*Kinder kennen, oder die vielleicht gar keine Ahnung haben, dass es Kinder wie sie gibt. Für sie ist es eine tolle Erfahrung sich kennenzulernen und auszutauschen. Aber auch Eltern können oft das erste Mal wirklich mit anderen Eltern über die Themen und Erfahrungen sprechen, die sie gerade beschäftigen.

Auf welche Weise werden Eltern das erste Mal mit dem Thema Transidentität konfrontiert? Gibt es einen typischen Verlauf

Das sind sehr individuelle Geschichten, manche Kinder äußern sich früh, andere später. Je nach Alter können sich Kontext und die Reaktionen der Umwelt stark unterscheiden. Man darf diese Lebensgeschichten nicht pauschal betrachten. Doch es gibt auch Übereinstimmungen, viele Dinge, die ähnlich laufen. Wir sehen oft, dass sich Kinder bereits sehr früh geäußert haben, im Alter von zwei bis fünf.

Je nach Umfeld und eigener Einstellung gehen die Eltern unterschiedlich damit um. Es gibt Eltern, die ihrem Kind uneingeschränkt alle Optionen offen lassen und sagen: Naja klar, dann ziehst du halt ein Kleid an, auch im Kindergarten. Diese Eltern gehen diesen Weg mit, trotz eigener Ängste vor Blicken und Wertungen anderer. Viele denken, das hört in drei Monaten wieder auf. Oder sie nehmen es einfach so, wie es ist.

Aber nicht allen Eltern fällt dies leicht. Schließlich ist das für sie eine ungewohnte Erfahrung. Wie gehen andere damit um?

Es gibt auch Eltern, die ihrem Kind sagen: Du kannst das vielleicht Zuhause machen. Sie wollen ihr Kind in der Öffentlichkeit vor Hänseleien und Mobbing schützen. Sie möchten einen geschützten Raum schaffen. Und dann gibt es auch Eltern, die es ganz unterbinden, die dem Kind keinen Freiraum lassen. Diese Eltern landen in der Regel auch nicht bei uns.

Zu uns kommen Eltern, die sich ihrem Kind schon zugewandt haben und beginnen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Diese Eltern begeben sich irgendwann auf die Suche und stoßen im Internet auf erste Informationen und Ansprechpartner.

Was wäre der wichtigste erste Rat, den Sie Eltern geben würden? Welchen Umgang empfehlen Sie mit der Situation?

Die Eltern sollten die Gewissheiten ihrer Kinder ernst nehmen und genau zuhören. Viele Eltern werden erst dann auf die wahre Situation aufmerksam, wenn das Kind Leid ausdrückt. Doch die ersten Signale kommen nicht selten schon früher. Eltern erzählen immer wieder, dass es rückblickend viele Anzeichen gab. Aber entweder hat man das nicht ernst genommen oder man hat nicht genau hingehorcht. Wenn Kinder in ihren eigenen kindlichen Worten wiederholt zum Ausdruck bringen, dass sie sich einem anderen als dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen, dann sollte man aufmerksam werden. Wenn ihr siebenjähriges Kind Ihnen sagt: Ich weiß das ganz genau, ganz tief drin im Herzen, das geht nicht wieder weg – dann ist das so. 

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Wenn man sich nicht adäquat damit auseinandersetzt, der Situation offen gegenübertritt und das Kind unterstützt, verhindert man eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

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Sie haben gesagt, dass es leider Eltern gibt, die einen offenen Umgang damit ganz unterbinden. Was steht auf dem Spiel, wenn man versucht, die Transidentität eines Kindes zu unterdrücken?

Wenn man sich nicht adäquat damit auseinandersetzt, der Situation offen gegenübertritt und das Kind unterstützt, verhindert man eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Wenn das Kind zum Beispiel, entgegen seines ausdrücklichen Wunsches, immer wieder mit dem alten Namen angesprochen wird, dann ist das jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. Wenn es gezwungen wird, sich vielleicht die Haare zu schneiden oder ihm bestimmte Kleidung verweigert wird, sind das jeden Tag zahlreiche Mikro-Traumata, die mittel- und langfristig zu seelischen Schäden führen können.

Es ist eine wirkliche psychische Belastung, wenn man trans*Kindern eine Unterstützung verwehrt. Das kann zur Angststörung, Depression bis hin zu Suizidalität führen. Aber auch die Schulleistungen leiden meist ebenfalls darunter.

Wie weit ist unsere Gesellschaft im Umgang mit Transidentität? Welche Erfahrungen machen Sie?

Es ist viel passiert in den letzten Jahren. Da wurde einiges angestoßen und viel Material publiziert, auch im professionellen Bereich der Pädagogik, bei der Kinder- und Jugendarbeit. Trotzdem überwiegt immer noch der Adultismus, eine Sichtweise, die Kindern das Recht auf Selbstbestimmung abspricht. Pädagogisches Personal ist zum Thema Transidentität in der Regel nicht geschult. Das ist nicht Teil der Ausbildung. Deswegen stellt die Situation für Eltern eine große Herausforderung dar. Man darf nicht vergessen, dass sich Eltern zunächst auch mit ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen müssen. Nebenher müssen Sie immer wieder Ressourcen aufbringen, um ihr Umfeld, Erzieherinnen, Pägadoginnen und auch Psychologinnen aufzuklären.

Natürlich gibt es positive Beispiele, aber nicht alle Kitas nehmen Transidentität oder nicht geschlechterkonformes Verhalten so locker hin. Es gibt Familien, die ihr Kind erst mal aus der Kita nehmen mussten, um es zu schützen. In der Zeit nach der Kita gibt es Eltern, die sich ständig in Auseinandersetzungen mit Schulen sehen, weil die Schule meist keinen diskriminierungsfreien Raum bietet. Aber genau das sollte sie sein, unabhängig von Rasse, Ethnie und Geschlecht.

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Eine negative Reaktion von anderen Menschen ist oft das Resultat von Unwissenheit.

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Was können Eltern tun, um die Rahmenbedingungen für ihr Kind zu verbessern?

Es gibt inzwischen eine Menge hilfreiches Material, von Filmen, Dokus, Artikeln, Fach-, Kinder- und Ratgeberliteratur, staatliche Handreichungen, Wissensportale usw. Das Thema Trans* als Variante von Geschlecht wird hier berücksichtigt. Aber jedes Programm steht und fällt mit den Personen, die es umsetzen. Es gibt Leute, die sind super und gehen großartig damit um.

Eine negative Reaktion von anderen Menschen ist oft das Resultat von Unwissenheit, Unsicherheit und Angst, sich falsch zu verhalten. Unwissenheit schlägt schnell in einen Abwehrmechanismus um. Da helfen nur Geduld und Kommunikation. Eltern müssen immer wieder das Gespräch mit Kita-ErzieherInnen, Schulpersonal und auch mit anderen Eltern suchen. Das erfordert viele Ressourcen von den Familien. Deshalb unterstützen wir, so gut wir können, durch Aufklärung, Austausch und Vernetzung untereinander sowie durch das Aufzeigen von bereits erprobten Wegen und Möglichkeiten.

Abschließende Infobox

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