Mit Essstörung in die Selbstquarantäne

Aron Boks 

 

Viele Menschen befinden sich derzeit in Selbstquarantäne, Zwangspause oder vorsichtiger Isolation. Für einige bedeutet das, dass sie „endlich Zeit für sich haben“.

Ein Sehnsuchtsbegriff. Für Solche, die mit sich selbst oder gewissen Teilen ihres Selbst hadern und es schwer aushalten können, kann diese Zeit Gefahren bürgen.

Wenn – angeblich – überall gehamstert wird,  stellt sich der/die Essgestörte beispielsweise gern einmal vor, Teil – vielmehr noch – Schuld allen Übels zu sein. Denn die Essstörungsstimme zeigt sich in Zeiten der notwendigen Solidarität einmal mehr als Egozentrikerin.

Jede Reservepackung an nicht schnell verderblichen Nahrungsmitteln wie Nudeln, Reis oder Konserven wird als unweigerlicher Schritt zum  Egoismus, ja schlimmer noch brutalem Prepper-Dasein gesehen.

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Das damit eine ganz normale Versorgung, die durchaus löblich ist, gewährleistet wird, wird schnell einmal vergessen.

Das ist absurd, schon klar. Krankhaft. Das lässt sich schnell von Außen sagen; die Selbstanalyse ist aber nicht einfach. Das psychologische Muster dahinter ist vielleicht noch viel interessanter.

Bei Unsicherheiten, finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen, nimmt die gestörte Stimme die Überhand und versucht, auch bei weitgehend stabilisierten Menschen, alte Muster zu aktivieren um bloß keine Negativgefühle zuzulassen. Diese treten aber später trotzdem und noch viel abstrakter auf, dann lässt die verführerische, trotzdem aber gestörte Stimme den/die Betroffene/n gerne mal allein.

Auch muss hier zwangsläufig der Fokus von der Essstörung weg genommen werden. Viele Menschen, die in ihrer mentalen Gesundheit belastet sind, haben es durch die notwendigen Quarantäne, Vorsicht – und Isolationsmaßnahmen schwerer.

Trotz aller Schwierigkeiten kann die Phase der selbstauferlegten „Zeit für sich selbst“ aber als Chance dienen. Nicht im Sinne der Selbsoptimierung oder des neoliberalem Geierdenken – nein als persönliche Erfahrung.

Mit einer bewussten Distanzierung zwischen Jetzt – und  – in diesem Fall – essgestörten Denken kann auf diesem kleinen Raum des Zuhause-Bleibens und der Selbstbeschäftigung die Essstörungsstimme eingeschüchtert werden. Sie ist nämlich nicht sonderlich kreativ, sondern kopiert Aussagen vom Umfeld, gesehene Bilder, verzerrt diese etwas und stellt ihre schwarzmalerischen Werke als eigene Gedanken dar.

Diese etwas phantasiebeladene  Darstellung ist bewusst so malerisch dargestellt, da auch solche Gedankengänge das Verstehen und somit das Erkennen irrationalere

Denn in Zeiten des geforderten Zusammenhalts ist es wichtig wachsam zu sein, für sich und seine Mitmenschen. Die Essstörung oder andere psychische Krankheit weiß ganz genau, wann jemand schwach ist und schlägt hart zu – mit Negativgedanken, Selbstwertschädigungen und Grübelschüben. 

Es gilt jetzt also zu kämpfen.

Und das ist nicht einfach. Es brauch Ablenkung und Hilfe.

Essstörungs – Sucht – und Grübelstimmen wollen das nicht, sind aber zu schwach um sich miteinander  zu verbünden.

Zwischenmenschliche Hilfe ist nicht immer auf Abruf verfügbar. Oft braucht es eigenständige Strategien um in solchen, vor allem den derzeitig kritischen, Phasen klar zu kommen.

Deswegen hier ein paar Tipps:

 

1.  Persönliche Tagesstruktur aufstellen

An die Essgestörten: Hört auf damit, ich weiß was ihr jetzt denkt : Mensch, dann schaff ich noch mehr, nur wer viel schafft ist gut – erst die Arbeit dann das Vergnügen – also Essen – und sofern

Nein! Aus. Wir sind gerade erst bei Punkt 1.

Hierbei ist eigentlich nur wichtig, dass eine ungefähre Skizze des Tages vorliegt, der die Angst vor den „ewig zu füllenden Stunden vorliegt“.

2. Beschäftigungsprogramm aufstellen

Geht alleine raus, sofern ihr Kontakt vermeiden könnt, an die Natur.

Stellt euch eine Literatur – und Filmliste zusammen. Oder spielt Animal Crossing auf dem Nintendo DS.

Das sollte auch endlich mal wieder erledigt werden.

3. Speiseplan

Für Essgestörte ist dies ohnehin wichtig, aber auch für alle anderen. ArbeiterInnen, die zuhause bleiben, aber auch alle anderen: Es kann auch witzig sein, sich seinen eigenen Kantinenplan in die Küche zu hängen. Und: Keinen stört es, wenn ihr das Abendessen von Dienstag und Donnerstag getauscht habt, weil ihr einfach mehr Lust auf Reis statt Nudeln hattet. Om Shanti Om.

4. Kultur unterstützen

Für alle die nicht zu sehr unter finanziellen Einbüßen zu leiden haben!

Kulturschaffende haben es derzeit schwer. Schaut, wie ihr ihre Bücher, CDs, Bilder, etcetera erwerben und sie online auf Veranstaltungen unterstützen könnt.

5. Freunde kontaktieren

Auch wenn man sich in Selbstquarantäne befindet oder der Freundeskreis gerade nicht zugänglich ist, bietet das digitale Zeitalter zahlreiche Möglichkeiten.

Trefft euch per Skype auf ein Bier, telefoniert, macht virtuelle Kaffeepausen.

Die Möglichkeiten sind zahlreich.

6. Für Andere da sein

Es ist sehr wohltuend, in gewisser Weise die Seiten zu wechseln und für andere Betroffene  und/oder Menschen, die es derzeit brauchen, TrösterIn oder einfach ZuhörerIn zu sein. Das macht nicht nur glücklich, sondern ist derzeit vor allem:

extrem wichtig.

In der ganzen Zeit ist es trotz der vermeintlichen „Ablenkung“, die plötzlich keine reine Selbstkonfrontation mit sich sein muss, wichtig nicht zu vergessen gewisse persönliche Schwachpunkte zu haben. Für Essgestörte bedeutet das zum Beispiel (!), genug und nicht irrational viel einzukaufen, sich nicht ständig von allen anzuhören wie eklig Hamsterkäufe angeblich sind und wie faul man doch ist, wenn man den ganzen Tag zuhause sitzt und man wahrscheinlich „total fett wird“ (das alltägliche Quatsch-gefasele).

Trotzdem muss sich kein Betroffener jeden Tag vor den Spiegel stellen und sich sagen „Du armer Betroffener. Du hast es schwer. Du bist ja auch ein Betroffener und wirst das für unbestimmte Zeit bleiben.“ Das macht es nicht besser. Es gilt für sich zu kämpfen um, sofern das gelingt, auch für andere solidarisch zu sein, in Zeiten in der menschliche Nähe eingeschränkt und einmal mehr die Liebe und der Zusammenhalt auf die Probe gestellt werden.

Autor: Aron

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