Meine Depression im Alltag

Frauke von Fräuleins wunderbare Welt

 

Ich habe keine Ahnung, wie die aktuelle Phase meiner Depression offiziell betitelt wird. Als sie im Sommer 2013 diagnostiziert wurde, war sie „mittelschwer bis schwer“. Da ging es mir auch echt scheiße. Mittlerweile geht es mir im Vergleich zum damaligen Arzttermin echt gut. Aber die Krankheit ist da und wird es noch eine ganze Weile bleiben (wie lange genau, kann mir keiner sagen und vielleicht will ich das besser auch gar nicht wissen). Wenn mich momentan jemand auf meine Depression anspricht, kann ich ihren jetzigen Zustand nur mit den Worten beschreiben, dass ich längere Zeit kein richtiges Tief mehr hatte. Ist es damit eine leichte Depression? Keine Ahnung. Und im Grunde ist es auch nicht wichtig. Wichtiger ist, dass die Depression keine Macht über mich hat und ich vernünftig mit ihr in meinem Leben leben kann.

Für Außenstehende ist das meist etwas schwierig zu verstehen.

Und für mich ist es meist etwas schwierig, meine Gedanken und Gefühle zu meiner Krankheit spontan in gesprochene Worte zu packen, so dass der Gegenüber sie versteht. Deswegen versuche ich es heute mal wieder auf dem bereits erprobten Weg des darüber Schreibens.

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Mein Alltag ist ein Alltag, wie von vielen anderen Menschen auch. Ich habe Tage, an denen bin ich fröhlich und könnte mit Schmetterlingen um die Wette rennen. An anderen Tagen bin ich gut gelaunt und kann stundenlang mit Freunden quatschen. An manchen Tage habe ich neutrale Laune, nix regt mich auf, aber so richtig begeistern kann mich auch nix. Und dann gibt es Tage, wo ich wütend bin und schlecht gelaunt. Wo mir so richtig eine Laus über die Leber gelaufen ist. Da hilft abends nur noch eine große Portion Pommes und/oder ein großer Löffel und ein offenes Nutellaglas in meiner Hand. So oder so ähnlich würden wahrscheinlich viele Menschen ihre verschiedenen Stimmungstage beschreiben.

Doch bei mir gibt es noch Zwischentöne und -stimmungen, die nur andere Menschen mit einer Depression nachempfinden können.

Hin und wieder senkt sich ein grauer Schleicher vor meine Augen und die Welt wird etwas farbloser. Das ulkige Vögelgezwitscher aus den Bäumen verstummt und die Sonne ist plötzlich zu grell, auch wenn eigentlich Wolken vor ihr sind.

Wenn ich ein paar Tage zu viel Stress und Trubel um mich herum hatte, mit zu wenig Zeit für mich ganz (wirklich ganz) allein, dann „macht mein Kopf zu“. Eine sehr gute Freundin von mir verwendet diese Worte, wenn es bei ihr soweit ist und ich finde sie auch für mich sehr treffend. Meine Ohren können nichts mehr aufnehmen. Meine Augen sind voll mit Bildern. Mein Mund möchte schweigen. Meine Nase möchte nichts mehr riechen. Ich bin für nichts mehr aufnahmefähig und mit allem überfordert. Meine Nächte sind geprägt von extremen Albträumen, wo es unter Zeitdruck ständige Ortswechsel mit laufend neuen Personen um mich herum gibt.

Manchmal bin ich mir selbst zu viel. Während mich alle Außenreize eh schon überfordern, komme ich mit mir selbst nicht klar. Ich habe zu viele Gedanken und Gefühle in mir drin aktiv und ich weiß nicht mehr, was ich denken oder fühlen soll und tue doch alles gleichzeitig und viel zu intensiv.

Und sobald ich eine Erkältung, einen Infekt oder sonst eine körperliche Schwäche habe, dann schlägt sich das relativ schnell bis zu meiner Psyche durch. Hat mein Körper einen Schwachstelle oder wird von Viren angegriffen, macht auch meine innere Kraft schlapp. Ich fühle mich schwach, angegriffen und von äußeren Reizen in die Ecke gedrängt, weil ich keine Kraft mehr habe mit ihnen klar zu kommen. In diesen Momenten verachte ich meinen Körper für seine Schwäche und komme mit meiner Psyche nicht mehr klar, weil sie genauso in die vermeintlichen schwachen Knie geht. Ich hasse Schwächen an mir und möchte sie nach außen hin nicht zeigen. Das war sehr lange Zeit so. Und auch wenn ich mittlerweile einen besseren Umgang mit den schwachen Momenten von mir gefunden habe, so kommt in diesen Augenblicken doch wieder die alte, wohlvertraute Stimme in meinen Kopf, die mir weismacht, dass ich keine Schwäche zeigen darf, dass mich dann niemand mehr mögen wird und sowieso alle Welt erkennen wird, was für ein schlechter (weil schwacher) Mensch ich in Wahrheit doch bin.

Meine Ernährung spielt bei all dem übrigens eine echt nicht zu unterschätzende Rolle. Während um mich herum einige Leute sehr erfolgreich mithilfe von viel-Eiweiß-und-wenige-bis-gar-keine-Kohlenhydrate abnehmen, stehe ich daneben und schiebe mir mein Vollkornbrot zwischen die Zähne. Die zwei Jahre Antidepressiva sind nicht spurlos an meiner Waage vorbeigegangen. (Aus einem falschen körperlichen Selbstbild heraus, fand ich mich übrigens schon immer zu dick.) Doch nun wünschte ich, die 10 Kilo mehr würden so langsam wieder verschwinden. Als ich es aber mal mit weniger Kohlenhydraten am Abend versuchte, konnte ich nach ein paar Tagen meine Depression lauthals hämisch lachen hören. Die Kilos blieben, wo sie waren, und die Krankheit betrat erneut ein Stück weit die Bühne meines Lebens. Die ersten Tage versuchte ich es auszuhalten, weil ich mir (oh Wunder) diese körperliche Schwäche nicht zugestand. Doch dann sah ich es ein, dass Nachgeben manchmal auch ein Zeichen von Stärke ist und holte mein geliebtes Brot aus der Versenkung. Ich brauche insgesamt 5 Mahlzeiten über den Tag verteilt. Die Portionen sind nicht sonderlich groß, aber wichtig. Wenn ich zu wenig über den Tag verteilt esse, schaltet mein Körper auf Sparflamme und ich werde vorsichtig gesagt reizbar bis angreifbar. Bei mir landet mittlerweile viel Obst und Gemüse, fast nur Vollkornprodukte und leider auch einiges an Schokolade im Mund. Seit ich mich etwas in die Zusammenhänge von Depression und Ernährung eingelesen habe, versuche ich mehr darauf zu achten und damit geht es mir dauerhaft besser. (Ich fand u. a. diesen Text sehr hilfreich.) Wie genau ich die 10 Kilo nun aber runterbekomme, darüber streiten mein Körper und ich noch. Mehr Bewegung allein stört meine Fettreserven gerade noch nicht sonderlich.

Alles in allem kann ich für mich zusammenfassen, dass ich mittlerweile ein echt schönes und bewusstes Leben führe. Aber es gibt auch heute noch Momente, in denen ich die Depression deutlich wahrnehme. Das sind keine Momente eines Tiefs oder eines sich anbahnenden Tiefs. Das sind Augenblicke, wo meine Depression mich warnt. Dass sie noch da ist und darauf wartet, dass ich zu unbewusst über sie hinweg schaue oder als abgeschlossen betrachte oder sie gar verleugne. Das Risiko einer erneuten depressiven Episode ist da. Und in diesen Alltagsmomenten spüre ich die Warnung, weiter auf mich und mein inneres Gleichgewicht zu achten, kontinuierlich auf meinem eingeschlagenen Weg zu bleiben und bewusst auf Warnsignale oder Hinweise meines Körpers zu achten. Lange Jahre meines Lebens habe ich genau das nämlich nicht getan, sondern vieles verleugnet und verdrängt. Ein paar Dinge sind noch bis heute tief in einem Schrank der Erinnerungen und Gefühle abgeschlossen. Aber eines Tages hoffe ich, dass ich die Kraft habe, mich auch diesen letzten, meist fest verschlossenen Schubladen im Schrank zu stellen. Und ich spüre, dass ich es schaffen werde, weil ich in den letzten 3 Jahren schon so viel geschafft habe.

Eine Depression ist eine Krankheit, die (unbehandelt) tödlich verlaufen kann. Eine Depression kann jeden treffen.

Mit meinem offenen Umgang hier auf dem Blog hoffe ich, anderen Menschen Mut zu machen, sich dieser Krankheit zu stellen. Es lohnt sich. Immer und bei jedem.

 

Autorin: Frauke von Fräuleins wunderbare Welt