Mischa Miltenberger

Fotograf: Dominik Berchtold

Die wichtigste Entscheidung meines Lebens – und welchen Preis ich dafür zahlen musste

 

Alles, was in den vergangenen Jahren bei und mit mir Heilsames passiert ist, fußt auf einer einzigen, bewussten Entscheidung, die ich damals getroffen habe:

Ich will von nun an richtig leben und stelle dabei mich und meine Gesundheit an oberste Stelle.

Absolut unspektakulär, oder? Das macht doch jeder, oder? Hmm, da habe ich so ne leicht abweichende Meinung. Zumindest, wenn ich mir die monatelangen Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen und psychosomatische Kliniken sowie die Millionen von Medikamenten/Psychopharmaka anschaue, die sich die Deutschen jeden Tag reinpfeifen.

Als ich damals aus meiner langen, langen Verdrängungs- und Vermeidungsphase aufgewacht bin, wusste ich: Ich kann mich nicht mehr selbst verarschen. Ich kann den Typen, der mich im Spiegel anblickt, nicht mehr länger anlügen und so tun, wie wenn alles super-duper wäre.

Samantha Fröbel

Ich habe verdammt nochmal nur ein einziges Leben (zumindest in der aktuellen Form meines inkarnierten Fleischklöpschens, wie Veit Lindau immer so schön zu sagen pflegt). Ich will das Leben an den Eiern packen, ich will die Dinge JETZT tun, sonst tu ich sie nie mehr.

Ich weiß, dass jede einzelne Entscheidung an jedem einzelnen Tag eine Entscheidung für oder gegen mich ist. Für oder gegen meine übergeordnete Entscheidung. Für oder gegen meine Werte und Ziele. Für oder gegen meine Selbstverarschung.

Und jetzt kommt im Rahmen dieser Entscheidung der entscheidende Punkt:

Ich bin bereit dafür, den Preis für diese Entscheidung zu zahlen. Ich trage die Konsequenzen daraus ohne Wenn und Aber, weil es für mich keinen anderen Weg gibt. Mut ist Angst plus ein Schritt eben.

 

Einen Knopf gedrückt und alles super?

 

Im Rückblick klingen die krassen Veränderungsgeschichten von Menschen immer so herrlich romantisch. Der Held wacht auf, krempelt sein Leben um, wechselt vom Kriech- in den Flugmodus und findet so sein Glück.

Ich nenn das mal den persönlichen Gewinn, der aus der Entscheidung für ein neues Leben resultiert. Doch was ist mit den Verlusten? Was musste der Held aufgeben, riskieren, wen und was hat er alles verloren, um sein Glück zu finden?

Für mich der wichtigere und spannendere Punkt. Denn wie oft bekomme ich Mails, in denen in der ersten Zeile steht: „Ich will, dass sich was ändert“ – und aus den weiteren 50 Zeilen lässt sich herauslesen: „Aber bitte ohne, dass ich mich ändern muss“.

Die Angst vor dem zu zahlenden Preis ist zu hoch. Ich kann das nachvollziehen. Und gleichzeitig mit 100-prozentiger Sicherheit sagen: So funktioniert das nicht.

An meinem eigenen Beispiel will ich mal zeigen, welchen Preis ich für die wichtigste Entscheidung meines Lebens gezahlt habe (und immer noch zahle). Und warum es trotzdem keinen Grund gibt, daran zu rütteln.

 

Diesen Preis zahle ich für meine Entscheidung in folgenden Bereichen:

 

#1 Finanzielle Sicherheit

Kein üppiges Gehalt mehr am 30. des Vormonats, kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, kein 50-Prozent-Anteil des Arbeitgebers an der Krankenversicherung, keine Zuschüsse zur Altersvorsorge.

Ganz schön doof, so einen festen Job zu kündigen, oder? Klar hatte selbst ich, der ich 1000 Prozent von meiner Entscheidung überzeugt war, ab und an diese Gedanken. Inklusive Neidgefühlen gegenüber Menschen, die vor dem Wochenende oder dem Urlaub ihren Stift fallen lassen und sich bis zum Zurückschlurfen über die Bürogänge keine Gedanken mehr machen müssen (schon gar nicht über Belege sammeln, Rechnungen schreiben und Umsatzsteuervoranmeldungen).

Ich weiß, dass dieser Preis für viele zu hoch ist, weil sie nie gelernt haben, sich auf Unsicherheit einzulassen und sich deshalb ein Horrorszenario nach dem anderen entwerfen (das in der Regel so nie eintritt oder nur dann, wenn der Glaube an das eigene Scheitern den Glauben an das eigene Können dauerhaft überwiegt).

Mein Gewinn: Ich liebe mich immer noch für meine Klarheit im Herbst 2013, als ich gekündigt habe. Diesen hohen Preis zu zahlen, war der wichtigste Schritt in meiner persönlichen Entwicklung. Es war eine Entscheidung für mich, meine Gesundheit, meine Selbstachtung, meine Freiheit (mein höchster Wert), meine Flexibilität, meine Entwicklungs- und Lernfähigkeit. Und eine klare Entscheidung gegen modernes Sklaventum, sinnlose Hierarchien, Ausbeutung und Respektlosigkeit.

# 2 Beziehungen

Der Typus „Fußball-/Sport-/Party-/Sauf-Freund“ hat in vielen Jahren meine Freundschaften geprägt. Eine stattliche Palette früherer Freunde ist in meinem Leben nicht mehr oder nur noch in der äußersten Peripherie präsent.

Vermisse ich etwas? Nein. Doch die Übergangsphase war hart. Weil ich mich öfter gefragt habe, ob es an mir liegt, dass der Kontakt abreißt, weil ich jetzt komisch geworden bin und ob es okay ist, sich einfach von gewissen Menschen zurückzuziehen.

Apropos komisch: Was ich so alles mache, lese, welche Seminare ich besuche und welche Flausen mir wieder in den Kopf steigen – das alles erschließt sich für meine Frau auch nicht immer auf Anhieb. Und meine ungebremste Roadtrip-Begeisterung teilt sie nicht völlig, aber immerhin partiell.

Anders formuliert: Wenn zwei Lebensentwürfe nicht mehr wie viele Jahre schön im Gleichklang sind, sondern sich an der ein oder andere Stelle ganz ungewohnte Töne in die gewohnte Lebensmelodie mischen, dann führt das schon mal zu Verstimmungen.

Natürlich hat meine Frau weder jubiliert, als ich alleine auf eine halbjährige Europatour mit meinem VW Bus losgezogen bin. Noch tut sie das heute bei meiner Ankündigung, dass ich wieder mal einen Winter im Süden verbringen werde.

Doch in dem Punkt würde sich für mich jeder Kompromiss wie ein Verrat an meinen eigenen Bedürfnissen darstellen. Ich habe eine Mission. Ich will herumziehen, Menschen treffen und interviewen, Geschichten erzählen und Mut machen. Wenn ich länger auf Strecke bin (und mit den passenden Menschen unterwegs), habe ich Glücksgefühle, die unbeschreiblich sind. Es ist inzwischen ein immens wichtiger Teil meines Lebens.

Insofern werde ich wieder und wieder losziehen. Und – Achtung, jetzt kommt ein Tiefschlag für alle Romantiker – ich bin bereit, den Preis dafür zu zahlen. Wenn meine Frau damals gesagt hätte oder heute sagen würde: „Ich mach den Scheiß nicht mehr mit, das war’s“, dann würde ich das akzeptieren, weil ich weiß, dass die Otto-Normalbürger-Lösung „48 Wochen daheim, 4 Wochen Urlaub“ für mich nicht funktioniert.

Mein Gewinn: Die Intensität der Gespräche mit meiner Frau hat sich deutlich erhöht. Wir halten beide mehr aus. Und sie entwickelt sogar leichte Züge von Campingbegeisterung. Leichte. Und beim Thema Freunde habe ich eh den Jackpot gezogen. Zu den wenigen Stützen von früher sind inzwischen unglaublich viele großartige Menschen in mein Leben getreten, die mich bereichern, inspirieren und mir einfach nur gut tun. Ganz ohne Saufen.

#3 Leistungsdenken und schlechtes Gewissen

Was ist der Preis für die Entscheidung, mich nicht mehr in ein 40-Wochenstunden-Arbeitsmodell pressen zu lassen und nur so viel Arbeit als Freelancer anzunehmen, wie mir gut tut? Ganz klar das schlechte Gewissen. Und weniger Geld auf dem Konto, solange meine Haupteinnahmequelle noch das Tauschen von Zeit gegen Geld ist.

Darf ich einfach auf dem Balkon liegen (ein Buch lesen, einen Podcast hören, eine Mountainbike-Runde drehen, mich zum Teetrinken treffen), während alle braven Arbeitnehmer gerade ihre Zeit absitzen müssen? Vor allem zu Beginn meiner Selbstständigkeit hat das schlechte Gewissen ganz schön oft angeklopft. Schließlich war ich doch 10 Jahre lang einer aus der Leistungsgesellschaft. Gute Arbeit gegen gutes Geld. Und dann das?

Für mich war das einer der intensivsten Prozesse (und der hält immer noch an), mir zuzugestehen: Ich brauche ganz viel Zeit für mich! Ich weigere mich, für den schnöden Mammon meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Abgesehen davon, dass man eh immer mehr ausgibt, je mehr man einnimmt. Insofern geht dieses Spiel sowieso nie auf.

Ich brauche auch so viel Zeit für mich, weil immer noch einiges an inneren Themen aufploppt, was ich mir anschauen darf und vieles Zeit braucht, um sich zu setzen. Und bei einigen Dingen benötige ich sogar ein paar Anläufe und immer wieder neue Energie.

Ganz bewusst nehme ich mir Zeit für Bewegung, Natur, Lernen, persönliche Entwicklung, spirituelles Eintauchen und Treffen mit wichtigen Menschen. Mal mit ein wenig schlechtem Gewissen, immer öfter ohne.

Mein Gewinn: Ich erreiche in ganz vielen Bereichen meine Ziele und komme immer mehr bei mir an. Ich verzeihe mir undisziplinierte Aussetzer. „Arbeite härter, leiste mehr“ läuft bei mir nicht. Also brauche ich mich auch nicht quälen.

#4 Gesundheit/Medikamentenfreiheit

Vor dem Preis, den ich für ein Leben ohne Medikamente zahlen muss, hatte ich am meisten Schiss. Keine Krücke mehr, die mir zu besserem Schlaf, weniger Angst und mehr Antrieb verhilft. Kein Blutdruckmittel mehr, das mich schützt. Kein Asthmaspray, das mich absichert.

Doch die Entscheidung stand fest: Wenn ich in allen Bereichen gesunden will, dann kann und darf ich nicht mehr abhängig von Medikamenten sein. Ich will meinen Körper mit all seinen Selbstheilungskräften die Dinge selbst regeln lassen.

Der Entschluss brauchte Vertrauen, Mut und ein Akzeptieren des Blindflugs mit dem eigenen Körper, der über all die Jahre so präzise fremdgesteuert wurde. Die kleinen Schritte fielen mir oft schwer. Der riesige Schritt mit dem Absetzen von Antidepressiva noch mehr. Doch im Hinterkopf war immer der Beschluss „Du ziehst das jetzt durch und wirst auf Dauer davon profitieren.“

Mein Gewinn: Ich lebe medikamentenfrei, spare mir Geld und Zeit für Arztbesuche, muss mir keine Gedanken über Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Medikamenten machen, habe mein erstes Buch geschrieben und freue mich über eine ganz neue Sichtweise auf das Thema Gesundheit und Ärzte.

#5 Komfort

Hätte ich auch bei Sicherheit noch unterbringen können, macht sich aber auch als eigener Punkt ganz gut. Der Preis für meine Entscheidung ist auch, dass mein Leben deutlich unruhiger und unkomfortabler verläuft als zuvor. Zuvor war es eine recht stabile Linie Arbeit-Couch-Urlaub, jetzt gleicht es öfter einer Achterbahnfahrt.

Völlig normal, weil ich eben nicht weiß, wie mein Leben morgen, nächsten Monat, nächstes Jahr oder in einem Jahrzehnt aussehen wird. Was auch daran liegt, dass ich mich und die Dinge, die ich tue (oder nicht tue) immer wieder auf den Prüfstand stelle.

Das auszuhalten, musste ich auch erstmal lernen. Nicht von einem schlechten Tag ausgehend zu viel in Frage zu stellen. Einfach weiterzumachen und dabei immer meine Grundsatzentscheidung, die Werte und Ziele im Auge zu behalten.

Weniger Komfort zeigt sich auch ganz praktisch darin, dass ich nicht mehr bereit bin, mehrmals im Jahr Geld für sündteure Wellness-Hotels auszugeben. Das Freikaufen von seelischer (Arbeits-)Überlastung mit dem 27. Saunagang und nachfolgendem 5-Gänge-Menü funktioniert einfach nicht. Die Einfachheit eines stressreduzierten Camperlebens passt deutlich besser zu mir.

Ja, es ist arschkalt, bei null Grad zum Klohaus zu laufen. Ich habe keine Spülmaschine, keinen Ofen und nur einen Bruchteil der Gegenstände im Vergleich zur heimischen Wohnung. Und es fehlt mir nichts.

Mein Gewinn: Weniger Komfort fühlt sich für mich lebendiger an. Deshalb muss ich nicht gleich freiwillig auf einem Nagelbett schlafen. Verzicht in gewissen Dingen öffnet mir die Augen dafür, mit wie wenig wirklich wichtigen Sachen ich auskomme. Ich bin heilfroh, dass ich aus dieser „Sättigungs-Käseglocke“ heraus bin. Und so nebenbei hat sich meine Komfortzone damit massiv erweitert.

#6 Image

Mit dem Öffentlichmachen meiner Geschichte habe ich riskiert, als Mann nicht mehr für voll genommen und als Heulsuse abgestempelt zu werden. Ich wundere mich heute manchmal, wie offen und konsequent ich das angegangen bin – obwohl der Preis dafür aus meiner früheren Sichtweise definitiv viel zu hoch, genau genommen unverhandelbar gewesen wäre.

Wie oft saß ich mit zittrigen Fingern am Rechner, bevor ich einen Artikel online gestellt habe, weil ich mir dachte: „Kannst du das echt bringen? Jetzt halten mich doch endgültig alle für durchgeknallt.“

Gut, dass ich mich nie davon habe abhalten lassen. Wenn jemand sich heute über mich oder meine Arbeit lustig macht, dann trifft mich das kaum mehr. Weil ich inzwischen weiß, dass es dabei um sein Thema geht und nicht um meins. Das habe ich lernen dürfen und den Preis war ich auch gern bereit zu zahlen.

Mein Gewinn: Ich traue mich, sogar öffentlich zu meinen Gefühlen zu stehen. Ich schäme mich nicht, wenn mir beim Mantrasingen mal wieder die Tränen runterkullern. Meine Angreifbarkeit und Verletzlichkeit ist mein Schutzschild gegen die Angst. Und es tut so gut, sich nicht mehr verstecken zu müssen.

So, und jetzt du: Vor welcher Entscheidung im Leben drückst du dich, weil dir der Preis noch zu hoch ist? Oder welche Veränderung hast du vorgenommen, obwohl du vorher tierisch Schiss vor den Konsequenzen hattest?

Autor: Mischa Miltenberger